3.6.2006: Opfer Handke?

2. Juni 2006, 19:45
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Von Paul Lendvai

Der herausragende österreichische Schriftsteller Peter Handke ist Opfer einer politischen Kampagne. Die Drahtzieher sitzen in Paris und Düsseldorf. Zuerst hat der Chef der Comedie Francaise sein Stück vom Spielplan abgesetzt, als er von Handkes Auftritt bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic erfuhr. Mehr als hundert französische Schriftsteller unterstützten die – auch nach meiner Ansicht – fragwürdige Entscheidung des Intendanten. Nun kippten die Fraktionen im Düsseldorfer Rathaus die Entscheidung einer Jury, die den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis Peter Handke zuerkannt hatte.

Nicht der Preis an sich, sondern die Begründung hat eine Welle der Empörung in der Politik und Publizistik, allerdings nur in einem Teil des deutschsprachigen Feuilletons ausgelöst: "Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu offener Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtlos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale." – Marcel Reich-Ranicki bezeichnete die Jury-Entscheidung als "empörende Beleidigung und Verhöhnung des Dichters Heine". Erhard Busek, der EU- Beauftragte für Südosteuropa, und der Chef der Bundestagfraktion der Grünen Fritz Kuhn sprachen von einer Verhöhnung der Opfer.

Nun stieg vor allem eine Phalanx österreichischer Schriftsteller und Essayisten auf die Barrikaden, um gegen die entsetzliche Entscheidung", gegen das "Ende der Aufklärung" und gegen die "Zensur" zu protestieren und Handke als "Sündenbock der von Alois Mock und Hans-Dietrich Genscher hergestellten Lawine der Geschichte" (so die Schriftstellerin und frisch gebackene Balkan-Expertin Marlene Streeruwitz) zu verteidigen. Kurz: Peter Handke ist in der Rolle des Verfolgten und Märtyrers. Der Dichter selbst listete kürzlich in einer Entgegnung an die FAZ all das auf, was er über Jugoslawien, Serbien oder Milosevic (den er im Haager Gefängnis besucht hat) nicht sagte. Nun, mir und wohl vielen anderen reicht das, was er nachweislich geschrieben und gesagt hat.

Überspitzt gesagt, ist Handke, wie weiland König Alexander, "der letzte Jugoslawe". So sagte er 1992 in einem Gespräch in Paris: "Deutschland ist gefährlich, brutal, undurchschaubar ... Es stößt mich ab, während Jugoslawien mich nicht abstößt, da könnt ich immer weinen." ("Noch einmal vom neunten Land" S. 96, Wieser Verlag, 1993). Schon damals und später übte er beißende Kritik an den Slowenen (und Kroaten), die sich "launenhaft, eilfertig und trotzig-dünkelhaft ... von einem trotz allem wohlbegründeten Jugoslawien" losgesagt hätten, ja sich "den Zerfall ihres Staates von außen einreden" hätten lassen.

Dieser nostalgische Illusionismus prägte auch nach den von Milosevic entfesselten Jugoslawien-Kriegen seine Haltung. All das, was er in den letzten Jahren, zuweilen in mit beispiellosem Werbeaufwand verbreiteten Schnellschüssen ("Gerechtigkeit für Serbien") geschrieben oder seine wiederholten Beschimpfungen an die Adresse der Journalisten, die auf Kriegsschauplätzen in Jugoslawien ihr Leben riskierten, haben die Bewunderer seiner Literatur, auch mich, fassungslos gemacht.

Um die mutige demokratische Opposition Serbiens scherte sich Handke im Gegensatz zu meinem verstorbenen Freund Milo Dor oder zum großen serbischen Schriftsteller Bora Cosic einen Dreck und identifizierte mit seinen Auftritten den Kriegsverbrecher mit dem Land.

Diese fatale Symbolik verurteilte die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic zu Recht. "Für Slobodan Milosevic eintreten, hat niemals bedeutet, für Serbien zu sein, ... denn seine Opfer sind auch die Serben selbst." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.6.2006)

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