Experte im STANDARD-Interview: "Vier bis sechs Jahre bis zur Bombe"

8. Juni 2006, 20:26
13 Postings

Oliver Thränert: Unklar, ob der Iran dafür dann auch Sprengköpfe hat

STANDARD: Die Sicherheitsratsmitglieder und Deutschland beraten in Wien über ein neues Angebot an den Iran, mit dem der Atomstreit beigelegt werden soll. Worin unterscheidet sich das Paket von Angeboten, die schon abgelehnt worden sind?

Thränert: Ich nehme an, die sechs Mächte haben ein Angebotspaket ausgearbeitet, das eine breite Palette wirtschaftlicher, politischer und kulturelle Zusammenarbeitsmöglichkeiten eröffnet. Iran wird darin wohl auch zugestanden, dass er künftig zivile nukleare Technologie für friedliche Zwecke nicht nur nutzen kann, sondern dabei auch unterstützt wird. Voraussetzung dafür ist aber der Stopp der Anreicherungsaktivitäten.

STANDARD: Teheran besteht insbesondere darauf, dass Forschung zur Uran-Anreicherung möglich bleiben soll. Der Westen interpretiert das als Training für militärische Projekte.

Thränert: Der Standpunkt der internationalen Gemeinschaft ist: Anreicherung im Iran darf nicht stattfinden. Wenn Iran nicht dazu bereit ist, wird es keinen Kompromiss geben.

STANDARD: Viele Experten sehen die Frage der Anreicherung als eine Prestigefrage, die auch zur inneren Stabilisierung des iranischen Regimes dient. Ist es für Teheran vor diesem Hintergrund überhaupt möglich, einen Kompromiss zu schließen?

Thränert: Es ist tatsächlich zu einer Prestigefrage geworden. Sowohl für die iranische Führung als auch für die iranische Bevölkerung. Deswegen ist es nicht leicht, eine gesichtswahrende Lösung für dieses Problem zu finden. Wenn das Angebotspaket genügend Anreize enthält, könnte es einen Weg eröffnen, um wieder ins Gespräch zu kommen.

STANDARD: Wie weit sind die Iraner technisch? Wie weit sind sie noch von der Bombe entfernt?

Thränert: Die Frage hängt von zu vielen Unbekannten ab. Zum Beispiel weiß man nicht, ob es noch Anreicherungsanlagen gibt, die gar nicht deklariert worden sind. Vor allen Dingen kann man schwer einschätzen, wie lange der Iran brauchen kann, um eine größere Anzahl von Zentrifugen über einen längeren Zeitraum fehlerfrei laufen zu lassen, um hochangereichertes Uran als Ausgangsstoff für Atombomben herzustellen. Ich gehe von vier bis sechs Jahren für einen Bombenbau aus. Dazu muss man aber sagen, dass die Entwicklung eines Sprengkopfes für eine ballistische Rakete noch eine weitere technische Hürde ist, die zusätzlicher Zeit bedarf. Libyen hat vom Khan-Netzwerk (des früheren Leiters des pakistanischen Atom-Programms A. Q. Khan, Anm.) eine Blaupause für einen Sprengkopf chinesischen Ursprungs bekommen. Ob das Paket, das das Khan-Netzwerk an den Iran verkauft hat, auch ein solches Element enthalten hat, ist unbekannt. Aber es ist durchaus wahrscheinlich. Das würde den Weg zu einem Atom-Sprengkopf verkürzen.

STANDARD: Wenn das neue Angebot nicht angenommen wird, sind Sanktionen wahrscheinlich. Was könnten die bringen?

Thränert: Sanktionen müssen von einer möglichst breiten Anzahl von Staaten effektiv umgesetzt werden. Dabei braucht man auch einen langen Atem. Am Ende könnte es möglich sein, dass die iranische Führung zur Überzeugung gelangt, dass es besser ist, zumindest befristet die Atomwaffenpläne aufzugeben, um nicht die iranische Wirtschaft und damit auch die Stabilität des iranischen Regimes zu gefährden. (DER STANDARD, Print, 1.6.2006)

Das Gespräch führte Christoph Prantner.

Zur Person:

Oliver Thränert leitet die Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

  • Oliver Thränert
    foto: standard/ swp - stiftung wissenschaft und politik

    Oliver Thränert

Share if you care.