Interview: Giovanni Trapattoni

27. Juni 2006, 16:44
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Der Salzburg-Teamchef glaubt, dass man auch mit Österreichs Fußball in europäische Dimen­sionen vordringen kann

STANDARD: Sie sind gewohnt, an der Mailänder Scala zu dirigieren. Weshalb nimmt man das Angebot einer österreichischen Provinzbühne an? Haben Sie eine Sehnsucht nach dem Kleinen, die nun gestillt wird?
Trapattoni: Nein, es geht nicht um eine Sehnsucht. Red Bull Salzburg ist keine Provinz. Man kann überall dirigieren, das Kleine kann immer groß werden. Auch Chelsea hat gelernt, dass man nur eine Stufe nach der anderen nehmen kann. Es geht Schritt für Schritt. Jeder hat die Chance, den Gipfel zu erreichen.

STANDARD: Lothar Matthäus hat als Trainer noch keine großartigen Erfolge aufzuweisen. Er wird in Deutschland aufgrund seines Engagements in Salzburg sogar belächelt. Warum setzen Sie trotzdem auf ihn?
Trapattoni: Ich kenne ihn sehr gut als Spieler. Sein Charakter stimmt, Lothar ist ehrgeizig und ein echter Winner-Typ. Das ist die ideale Voraussetzung, um etwas zu schaffen. Er kann die Leute mitreißen. Obwohl ich Teamchef bin, sehe ich ihn als gleichberechtigten Partner.

STANDARD: Der österreichische Fußball steht im internationalen Vergleich nicht unbedingt großartig da, das Niveau der Liga ist bescheiden. Kann man mangels nationaler Konkurrenz nicht maximal ein Einäugiger unter Blinden werden?
Trapattoni: Man kann das von außen so sehen. Aber Dietrich Mateschitz hat in der Formel 1 bereits gezeigt, dass man vorne mitmischen kann. David Coulthard wurde zuletzt in Monaco Dritter. Das hat vor Monaten auch keiner geglaubt. Warum soll im Fußball nicht klappen, was in der Formel 1 funktioniert? Wir brauchen Spieler, die Persönlichkeiten sind und die auf internationaler Ebene auch bestehen wollen.

STANDARD: Sagen Ihnen die Namen Pasching, Ried oder Altach etwas?
Trapattoni: Noch nichts, aber wahrscheinlich sind es Fußballvereine. Man muss sie achten und respektieren, wie Große ansehen. Es gibt nirgendwo einfache Gegner, jedes Match ist schwierig.

STANDARD: Werden Sie sich in den kleinen Stadien nicht ein wenig verloren vorkommen?
Trapattoni: Nein, warum? Fußballplatz ist Fußballplatz.

STANDARD: Lässt sich im Fußball eine einfache Rechnung aufstellen? Kann man sich den Sieg in der Champions League quasi kaufen?
Trapattoni: Nein. Man kann sich ohne große Ausgaben für Europa qualifizieren. Dann muss man natürlich investieren. Gute Fußballer haben ihren Preis. Aber es gibt ja auch andere als Ronaldinho.

STANDARD: Sie gelten als Verfechter des defensiven Fußballs, legen Wert auf Disziplin. Ihr Spitzname lautet "Il Tedesco", der Deutsche. Machen aber nicht gerade Kreativität und Spielwitz, wie es Barcelona oder Brasilien demonstrieren, den Reiz der Sache aus?
Trapattoni: Natürlich sind die Ronaldinhos der größte Reiz, ich liebe Genies. Aber man kann auch mit beschränkter Kreativität erfolgreich sein. Ich nenne wiederum den FC Chelsea. Den Trapattoni hat man in eine Schublade gesteckt und man lässt ihn nicht raus. Meine Teams haben immer wenige Tore bekommen. Aber sie haben oft auch die meisten geschossen. Speziell Inter Mailand.

STANDARD: Wenn man den Manipulationsskandal in Italien um Juventus betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass das Spiel den letzten Rest seiner Unschuld verloren hat. Machen Sie sich um den globalen Kick sorgen?
Trapattoni: Ja, das tut weh. Fußball muss ein Spiel bleiben. Es gibt Regeln, die man einhalten muss. Die wurden missachtet, nicht nur in Italien. Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir Vorbilder sind. Wir dürfen die Jugend nicht länger enttäuschen. Das viele Geld hat geschadet, aber ich glaube, dass die Spitze erreicht ist. Es wird sich alles auf ein vernünftiges Maß einpendeln. Auch das Wetten wird sich hoffentlich irgendwann einmal reduzieren.

STANDARD: Wenn Sie in Salzburg einmal "fertig haben", was soll man Giovanni Trapattoni nachsagen?
Trapattoni: Ich bin gekommen, weil ich hoffe, dass Salzburg in europäische Dimensionen vordringen kann. Ich will, dass Herr Mateschitz zufrieden ist. Er wollte einen Zweijahresvertrag, ich sagte, reden wir nach einer Saison weiter. Überall, wo ich gearbeitet habe, kam man zur Erkenntnis, dass mein Engagement kein Fehler war. Die Leute schätzen meinen Charakter. Ich lebe Fußball, ich liebe Fußball, Fußball begeistert mich.
(DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 1. Juni 2006, Christian Hackl)

ZUR PERSON

Giovanni Trapattoni (67) ist mit 19 Titeln der erfolgreichste Klubtrainer aller bisherigen Zeiten. "Il Tedesco" wie der Mailänder in Italien wegen seiner blonden Haare genannt wurde, spielte selbst für den AC Milan, Varese und das Nationalteam. Er führte Juventus Turin (6), Inter Mailand, Bayern München und Benfica Lissabon (je 1) zu Meistertiteln. Zudem gewann er alle europäischen Cupbewerbe sowie den Weltpokal zumindest einmal. Er ist verheiratet.

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    "Den Trapattoni", sagt Trapattoni, "hat man in eine Schublade gesteckt."

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