General: "Verantwortung für Haditha liegt bei Rumsfeld"

6. Juni 2006, 13:16
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John Batiste äußert schwere Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister - Weißes Haus verspricht Transparenz bei Untersuchung

In der Affäre um ein mutmaßliches Massaker an zwei Dutzend Zivilisten in der irakischen Stadt Haditha durch Mitglieder der US-Elitetruppe Marines hat ein hochrangiger Militär heftige Kritik an Pentagonchef Donald Rumsfeld geübt.

General John Batiste, der bis zum vergangenen Jahr die Erste Infanteriedivision im Irak geleitet hat, erklärte, dass die Verantwortung für Haditha letztlich bei Rumsfeld liege: "Die angeblichen Gräueltaten in Haditha, die nationale Schande von Abu Ghraib und drei Jahre unkontrollierbarer Gewalttaten können alle auf die verheerenden Entscheidungen unseres Verteidigungsministers in den Jahren 2003 und 2004 zurückgeführt werden." Rumsfeld habe von vornherein zu wenige Truppen in den Irak entsandt; es sei daher kein Wunder, dass die Soldaten ständig unter Stress stünden.

Vertuschungsversuch

Das mutmaßliche Massaker ist nun Gegenstand von zwei separaten Untersuchungen des Pentagons: Zum einen soll das Verhalten einer kleinen Gruppe von Soldaten geprüft werden, die alte Männer, Frauen und Kinder in einem Racheakt niedergemetzelt haben sollen. Mit der zweiten Untersuchung soll festgestellt werden, ob es vonseiten des Marinecorps ein "cover-up", also einen Vertuschungsversuch, gegeben hat.

Sollte dies der Fall gewesen sein, soll auch ermittelt werden, bis zu welchem militärischen Dienstgrad das in der Befehlskette geschehen sein könnte. US-Generalstabschef Peter Pace erklärte zwar, es sei noch "zu früh, um ein Urteil zu fällen", zeigte sich jedoch über das Resultat äußerst pessimistisch: "Die ersten Hinweise deuten darauf hin, dass dies nicht etwas ist, worauf wir stolz sein können." Auch der republikanische Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, John Warner, hat separate Hearings angekündigt.

Der mehrfach dekorierte Vietnamveteran und demokratische Kongressabgeordnete John Murtha, durch dessen persönlichen Einsatz die Geschichte nach deren Erscheinen – im März, also etliche Monate nach dem Vorfall – nicht zur Ruhe kam, ist fest davon überzeugt, dass die Militärs versucht hatten, die Geschichte zu vertuschen. Er vergleicht Haditha mit dem Folterskandal im Abu-Ghraib- Gefängnis: "Das ist ebenso schlimm wie Abu Ghraib, wenn nicht noch schlimmer."

Im Weißen Haus versprach unterdessen der neue Pressesprecher des Präsidenten, Tony Snow, dass der Öffentlichkeit nach Abschluss der Untersuchungen alle Details mitgeteilt würden. George W. Bush selbst habe laut Snow erst durch den Bericht im Time Magazine von der Sache erfahren. (DER STANDARD, Print, 1.6.2006)

Susi Schneider aus New York
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