Auf der Suche nach dem Spezifischen

12. Juni 2006, 16:18
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Wo liegt Niederösterreich?

Obwohl sich es manche wünschen würden: In Niederösterreich gibt es keine niederösterreichische Architektur. Das heißt: keine Architektur, die irgendwelche Merkmale hätte, die mit diesem Bundesland derart zusammenhängen und so prägend sind, dass sie sich von der Architektur anderswo unterscheidet. So etwa, wie es in Vorarlberg eine Zeit lang der Fall war.

Dass es in Vorarlberg dann doch noch dazu kam, war einer besonderen Konstellation zu verdanken, die sich in keinem anderen österreichischen Bundesland herstellen lassen konnte. Wäre heutzutage ein architektonischer Regionalismus noch möglich, dann wäre dieser gerade in Niederösterreich dennoch so gut wie unmöglich. Denn die altbekannte, nicht immer segensreiche Dominanz der Großstadt Wien ist weithin wirksam. Mit anderen Worten: Viele Bauwerke in Niederösterreich entstanden und entstehen dank der Wien- Nähe und sind ohnehin meist von den in Wien ansässigen Architekten errichtet worden.

Zum Beispiel die Raffinerie Schwechat, die über die wohl eindrucksvollste Architektur Österreichs verfügt. Unterwegs zum Flughafen Schwechat ist man immer wieder schwer beeindruckt. Dort sind in letzter Zeit einige neue Bauten errichtet worden, die endlich aus dem dort vorherrschenden architektonischen Untermittelmaß ausbrechen. Der neue Tower von Zechner/Zechner ragt sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn des Wortes weit sichtbar heraus. Das Terminal 1a von Baumschlager & Eberle und das Handling Centre West von Andreas Treusch zeichnen sich durch sehenswerte Qualität aus.

Auffallend gute Baukultur

Obwohl es also keine niederösterreichische Architektur gibt, gibt es in Niederösterreich neuerdings zumindest auffallend viele gute neue Bauten. Mittelbar und unmittelbar sind sie das Resultat jener auffallend guten Baukultur, die in diesem Land seit einigen Jahren gepflegt wird. Baukultur lässt sich herstellen, sogar eine spezifische, um nicht zu sagen regionale.

Es gibt die Einflüsse des Regierungssitzes in St. Pölten und die Konkurrenz des Kulturzentrums Krems. Und zwar sowohl in der unmittelbaren Umgebung als auch in weiteren Bereichen. Bemerkenswert großzügig ist die Förderung der Kunst im öffentlichen Raum. Diese Kunst kann man als eine ästhetische Sonderform der Architektur bezeichnen. Die ist in Niederösterreich so einmalig und konsequent und so erfolgreich, dass man diese letztendlich als die spezifisch niederösterreichische Architektur begreifen kann. (Jan Tabor, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.6.2006)

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