Kaum Hoffnung gegen "Killervirus": Es fehlt an Geld

2. Juni 2006, 21:03
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Ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Aids-Fall fürchten Experten, dass Geberländer wieder zu wenig Geld bereitstellen

Am dringendsten wird im Kampf gegen Aids Geld benötigt - eine am gestrigen Mittwoch begonnene UN-Konferenz soll dafür sorgen. Experten aber befürchten, dass die Geberländer wieder zu wenig Finanzmittel bereitstellen.

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Exakt ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Aids-Fall hoffen die Vereinten Nationen auf weitere Milliardenzusagen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. Am Mittwoch trafen Teilnehmer der größten Aids-Konferenz seit fünf Jahren in New York ein. Aids-Aktivisten äußerten die Befürchtung, dass die Weltgemeinschaft vor einem weiteren Aufstocken der Mittel zurückschrecken könnte.

Finanzierungslücke

Obwohl im Kampf gegen die Krankheit 2005 umgerechnet mehr als 6,3 Milliarden Euro aufgebracht wurden, klafft eine große Finanzierungslücke. Ab 2008 würden schätzungsweise 20 Milliarden Dollar (15,6 Milliarden Euro) jährlich benötigt, sagte der Leiter des UNAIDS-Programms, Peter Piot. Er hoffe auf langfristige Zusagen bei der dreitägigen Konferenz. Zu dem Treffen in werden unter anderem zehn Staatschefs und etwa 100 Minister erwartet.

Seit 1981 befiel der HI-Virus 65 Millionen Menschen

Seit Ausbruch der Seuche im Jahr 1981 befiel der HI-Virus 65 Millionen Kinder, Frauen und Männer: Rund 25 Millionen der Betroffenen starben an Aids. Im Jahr 2005 lebten fast 39 Millionen Menschen mit HIV, in diesem Jahr gab es rund vier Millionen neue Infektionen. "Die große Mehrheit der Betroffenen wissen von ihrem Schicksal nichts", schreiben die UNAIDS-Ex- perten in ihrem neuesten Bericht, den sie am vergangenen Dienstag publizierten.

Brennpunkt bleibt Afrika

Laut Experten war die Seuche 2005 in allen Regionen der Welt auf dem Vormarsch, Brennpunkt aber bleibt das Afrika südlich der Sahara. Dort schwächt Aids mehr als 25 Millionen Menschen. Mehrere Millionen neuer HIV-Fälle kommen jährlich hinzu.

Erbärmliches Dasein

Die ökonomischen und sozialen Folgen sind katastrophal: Die Leistungsfähigkeit der Menschen sinkt, die verkürzte Lebenserwartung lässt die nationale Wirtschaftskraft zusätzlich schrumpfen. Viele Betroffene fristen ein erbärmliches Dasein. "Armen wird nicht geholfen, weil sie arm sind", erklärt die US-Wissenschafterin Helen Lee, die eine Diagnostikeinrichtung (Diagnostics for the real World) mitgegründet hat. "Die Industrie kann dort kein Geld erwarten."

Die Folgen: Weltweit kann sich nur jeder achte Mensch auf HIV testen lassen. Die meisten der Getesteten leben in wohlhabenden Staaten. Sie können sich auch lebensverlängernde Therapien leisten.

Erfolgreichste Behandlungen

Als eines der erfolgreichsten Konzepte gilt die Behandlung mit antiretroviraler Medizin (ARV). Die meisten Armen aber bleiben von der ARV-Therapie ausgeschlossen. Deshalb starteten UNAIDS und die WHO Ende 2003 ein ARV-Projekt mit dem Namen "3 bis 5". Bis Ende 2005 sollten drei Millionen HIV-Patienten in armen Staaten eine ARV-Behandlung erhalten. Das Projekt scheiterte an Geldmangel.

Auch auf anderen Feldern der Vorbeugung, Diagnostik und Behandlung fehlt es am Geld. Nach Berechnungen von UNAIDS muss die internationale Gemeinschaft in den beiden Jahren 2006 und 2007 rund 40 Milliarden US-Dollar im Kampf gegen Aids aufbringen. Laut UNAIDS-Schätzungen von Ende 2005 stellen die Geber aber nur weniger als die Hälfte der Summe bereit.

Die Konsequenzen lassen sich laut UNAIDS schon jetzt ausmalen. Ohne bessere Vorbeugung, etwa die Verteilung von Kondomen, werden sich im kommenden Jahrzehnt weitere 28 Millionen Menschen mit dem Killervirus infizieren. (Jan Dirk Herbermann aus Genf, DER STANDARD Printausgabe 1.6.2006)

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    Kinder,wie hier die Waisen von Aids-Opfern, sind speziell in den ärmeren Ländern die am meisten Betroffenen. Es fehlt vor allem an Geld für vorbeugende Maßnahmen und Behandlung.

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