Handy-freie Zone in Stockholms U-Bahn

5. Juni 2006, 18:50
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Bald kann man den U-Bahnfahrern bei ihren über das Handy ausgetragenen Beziehungsstreits nicht mehr zuhören

Wer in Stockholm den Bus nimmt, muss sich auf langweilige Zeiten gefasst machen. Bald kann man nicht einmal mehr den Stockholmer U-Bahnfahrern bei ihren über das Handy ausgetragenen Beziehungsstreits zuhören. - von André Anwar aus Stockholm

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Stockholm - Zum 21. August sollen im Nahverkehrssystem "Stockholm Lokaltrafik" der schwedischen Hauptstadt ähnlich den Nichtraucherzonen "Nicht-Mobil-Zonen" in Bussen, U-Bahnen, S-Bahnen und den Regionalbahnen eingeführt werden. Dies entschied die Nahverkehrsdirektion, die Rot-Grün dominierte Stadtversammlung Stockholms gab den Auftrag dazu.

Vorerst keine Strafen

Je nach Möglichkeit sollen dann zwischen 15 und 30 Prozent aller Plätze in den Transportmitteln mit dem Verbot belegt werden. Kosten für die aufwendige Beschilderung werden auf über 60.000 Euro geschätzt, was die Kritiker erbost, weil im Vergleich dazu für die jährliche Beseitigung von Vandalismusschäden nur etwas über 25.000 Euro ausgegebene werden. Allerdings sollen Verstöße gegen das Handy-Verbot zumindest in der Anfangsphase nicht rechtlich verfolgt werden. Dementsprechend sind vorerst auch noch keine Kontrollanten dafür vorgesehen. Vor allem die Grünen machten Druck für ein Verbot, und die Sozialdemokraten zogen mit.

Störendes Gebimmel

Die Behindertenbeauftragte Lena-Maj Andning (Grüne) nannte "Elektrizitätsüberempfindlichkeit" bei zahlreichen Reisenden als den wichtigsten Grund für das kommende Verbot. Zudem störe das ständige Gebimmel und Gerede auch die Fahrgäste.

Unsummen für Pseudoanliegen

"Mann sollte lieber darauf setzen, dass der Nahverkehr reibungsloser funktioniert, statt Unsummen in einem Pseudoanliegen zu verprassen", sagte die bürgerliche Oppositionsabgeordnete Maria Wallhager der überregionalen Tageszeitung Dagens Nyheter. Viele Bürger geben ihr Recht. Vor allem die in Vororten lebenden Stockholmer die gerade in der Winterzeit an erheblichen Verspätungen durch Schnee und Eis leiden - und dies schon seit Jahrzehnten. "Gesundheitsgründe anzuführen, und zu sagen dass man sich um die Elektrizitätsallergiker sorge, ist völliger Humbug.", erklärte Wallhager.

Jährlich neue Verbote

Gerade Elektroallergiker hätten es ohnehin sehr schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie der durch Strom angetriebenen U-Bahn zu fahren die mit Elektronik nahezu voll gestopft sei. "Letztes Jahr haben Sie uns das Rauchen in Bars und Restaurants verboten, nun dass wir in der U-Bahn telefonieren. Ich lege jeden Tag ein ordentliches Stück mit Bus und U-Bahn zurück. Das ist eigentlich gerade die beste Zeit zum Telefonieren. Mal sehen was uns als Nächstes Verboten wird, vielleicht dürfen wir bald auch keinen Ipod mehr benutzen, um Musik zu hören", sagt Fahrgast Erik Birath, 30, als er gerade mit zwei Einkaufssackerln an jeder Hand aus der U-Bahn am Medborgarplatsen aussteigt. (André Anwar aus Stockholm, DER STANDARD Printausgabe 1.6.2006)

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