Besorgte und Besonnene

9. Juni 2006, 19:42
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In Deutschland scheiden sich an Handke die Geister – Elfriede Jelinek verwahrt sich gegen "Hetze"

Die Aberkennung des Heinrich-Heine-Preises für Peter Handke durch den Düsseldorfer Stadtrat entzweit die bundesdeutsche Öffentlichkeit.

Der Suhrkamp Verlag spricht von einem "beispiellosen Akt".


Hamburg – Während Peter Handke den ihm widerfahrenen Entzug des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preises vorderhand ohne Kommentar zur Kenntnis nimmt, legt sich Handkes verlegerisches Stammhaus, Suhrkamp in Frankfurt am Main, für den vielfach Gescholtenen mit Nachdruck ins Zeug.

So übte Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz scharfe Kritik am vorderhand informellen Beschluss des Düsseldorfer Stadtrats, Handke den mit 50.000 Euro dotierten Preis entgegen dem Jury-Votum nicht zu geben. Es handle sich dabei, so Unseld-Berkéwicz, um einen "beispiellosen Akt": "Eine politische Institution beugt sich dem Druck einer Kampagne, die Peter Handke diffamiert. Wenn es nicht zu einem öffentlichen Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur."

Noch aber überwiegt die Zahl der geharnischten Handke-Kritiker bei Weitem. Bereits vorher sprachen sich mehrere Publizisten gegen die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an den Schriftsteller Peter Handke aus: Der Düsseldorfer Stadtrat entscheidet über die voraussichtliche Nichtvergabe am 22. Juni. Im Radiosender NDR-Kultur sagte der Autor Tilman Spengler, mit einer Preisvergabe an Handke täte man dem Namen Heines großen Schaden an. Der Publizist Ralph Giordano äußerte sich gegenüber dem nämlichen Sender wie folgt: Handke habe zu viel gesagt, was ihn "eindeutig auf die serbische Seite" stelle, und das in einem Konflikt, in dem die Serben furchtbare Verbrechen begangen hätten. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte zu der Preisverleihung: "Ich denke, das darf man nicht machen." Der Heine-Preis sei eine politisch-publizistische Auszeichnung und habe bei Handke nichts zu suchen.

PEN-Präsident dagegen

Auch der deutsche PEN- Präsident Johano Strasser plädierte gegen eine Vergabe des Heine-Preises an Handke und nannte den Vorschlag der Jury "in vieler Hinsicht falsch". Strasser kritisierte aber in diffiziler Scheidung die Ankündigung des Düsseldorfer Stadtrates, die Preisverleihung zu verhindern, als politisch motivierte Einmischung.

Wiederum anders gewichtet der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Imre Török, die Verweigerungshaltung der Düsseldorfer Stadtkämmerer, die sich an "grüner" Kritik entzündete. Im Deutschlandradio Kultur sagte Török, die Empfehlung der Jury müsse respektiert werden: "So problematisch diese Entscheidung jetzt vor uns steht, sie ist gefallen, und ich würde sie jetzt nicht mehr rückgängig machen."

Der Autor habe schon immer Grenzen überschritten. Beim Thema Milosevic könne er, Török, Handke aber nicht folgen: "Als Verbandsvorsitzender will ich noch immer eine zarte Lanze für Kunstfreiheit ergreifen, obwohl ich weiß, dass ich mich da als Advocatus Diaboli betätige." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.6.2006)

Von Ronald Pohl

Siehe weiters als Empfehlung "Lesen und dann reden, aber nicht hetzen"

"Aus gegebenem Anlass, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben" – unter diesem Titel publizierte Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage Überlegungen zu Handke - siehe hier

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    Peter Handke

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