Interview: "Es ist natürlich ein Extremschritt!"

1. Juni 2006, 13:40
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Der designierte Volksoperndirektor Robert Meyer über die Finanzlage des Hauses, die Operette und Claus Peymann

Der designierte Volksoperndirektor Robert Meyer ist voller Optimismus, das Haus am Gürtel stabilisieren zu können. Ljubisa Tosic sprach mit ihm über die Finanzlage des Hauses, die Operette und Claus Peymann.


STANDARD: Es ist doch irgendwie seltsam: Direktor Rudolf Berger beklagt, dass sein Haus finanziell unterdotiert ist. Sie hingegen – als künftiger Direktor – sind sich sicher, mit der jetzigen Budgetlage locker klarzukommen.

Meyer: Wenn ich jetzt antrete und gleich sage, meine Damen und Herren, ich brauche 2,5 Millionen Euro, sonst wird das nichts, wäre das ziemlich lächerlich. Ich bin überzeugt davon, dass man sich, wenn man die Strukturen des Hauses genau durchleuchtet, wenn man die richtigen Stücke bringt und zudem versucht, die Auslastung zu heben, diese unendlich traurige öffentliche Diskussion über das Budget der Wiener Volksoper ersparen kann.

STANDARD: Bei Klaus Bachler als Volksopernchef waren internationale Leute im Haus präsent, auch Stars. Wie wird das bei Ihnen?

Meyer: Warten wir erst einmal ab. Wenn ich mir das leisten kann, dann gibt es jeden Abend Stars.

STANDARD: Sie werden ja momentan eher als Traditionalist angesehen.

Meyer: Ich weiß nicht, ob ich ein Traditionalist bin. Was die Operette anbelangt, erwarte ich mir Regisseure, die eine neue Sicht wagen. Ich muss spüren, dass sich jemand schwere Gedanken darüber gemacht hat. Die Operette soll nicht verblödelt werden, das wäre keine neue Sicht. Es sollte so sein, dass neues Publi 3. Spalte kum angesprochen, aber das alte nicht vergrault wird.

STANDARD: Den Ruf als Traditionalist wären Sie in Sekunden los, wenn Sie etwa Claus Peymann als Regisseur an die Volksoper holen würden, mit dem Sie einst als Ensemblevertreter an der Burg Auseinandersetzungen hatten.

Meyer: Der Vorschlag ist gar nicht so unkomisch. Peymann hat zwar noch nie Musiktheater gemacht. Ich sage Ihnen, wenn ich ihm das vorschlagen würde, ich bin nicht sicher, dass er ablehnen würde.

STANDARD: Warum tun Sie sich die Volksoper eigentlich an?

Meyer: Ich bis 52 Jahre alt, habe immer wieder Neues begonnen. Von der Schauspielerei ging ich zur Regie, von der Regie ging ich als Darsteller zum Musiktheater, führte dann auch in diesem Bereich Regie. Als Berger verlautbarte, früher gehen zu wollen, habe ich mich eingehend geprüft und mich zur Bewerbung entschlossen. Es ist natürlich ein Extremschritt, das muss ich schon sagen!

STANDARD: Ein Theater haben Sie noch nie geleitet.

Meyer: Ich sage immer: Jeder Theaterleiter hat irgendwann noch nie ein Theater geleitet. Man springt da hinein und arbeitet sich ein.

STANDARD: Wie sehen Sie den Zustand der Volksoper?

Meyer: Ich finde es schrecklich, dass das Haus wegen der finanziellen Diskussion totgeredet wird. Ich glaube, dass sich das Publikum für die Finanzen überhaupt nicht interessiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.6.2006)

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    Robert Meyer, 1953 in Bad Reichenhall in Bayern geboren, hat Trompete und Klavier gelernt, sang im Kirchenchor und studierte Gesang am Mozarteum. Er wurde aber Schauspieler. Als solcher ist er seit 1974 am Burgtheater tätig.

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