23. Juni 2006, 10:24
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Empörung muss nicht immer von ernsten Gesichtern getragen sein. Bei diesem Prozess schmunzeln alle, sogar der Kläger. Finanzminister Karl-Heinz Grasser kann in der Öffentlichkeit gar nicht anders, als gute Miene zu machen, egal wie böse das Spiel (gewesen) ist. Blitzen Kameras auf, müsssen unweigerlich seine Zähne hinein. Am Ende des Prozesses darf er dann sogar begründet auflachen: Soeben hat er ein zärtlich-privates Foto von sich und seiner Frau Fiona Swarovski für 40.000 Euro verkauft. Noch dazu unfreiwillig. Für ein Highlight "beispielloser Indiskretion" (so die Richterin) muss die "Bild"-Zeitung an das Ehepaar die Höchststrafe löhnen.

Paparazzifoto

Es ist nun schon der zweite Frühling, da man im deutschsprachigen Boulevard scheinbar nichts geiler findet, als Grasser an Swarovski zu entdecken, je enger, desto besser. "News" begnügte sich im Vorjahr mit Kussszenen am Pariser Flughafen - und zahlte dafür 7000 Euro plus Prozesskosten. Die "Bild"-Reporter waren umtriebiger, sie drangen bis zur Hausterrasse des Paares auf Capri vor. Grasser glaubt, dass das Paparazzifoto entweder von einer 300 Meter entfernten Bucht oder einer hohen Stützmauer aus aufgenommen wurde. Am 5. Mai kam es via "Bild" in einer Auflage von 3,5 Millionen Stück in Umlauf. Der pornografische Text dazu liest sich, als hätte die Autorin viel Spaß beim Formulieren gehabt: "Hier sucht die Kristallerbin die Kronjuwelen des Finanzministers. Da liegt ER! Und genießt. Ihr Verwöhnprogramm. Ihre Küsse. Ihre Liebkosungen. Herzen, busseln, tasten, suchen. Nach Kronjuwelen? Mozartkugeln? Aaaaaah! (...)"

"Hie und da Betriebsunfälle"

Bei "Bild" hält sich das Entsetzen darüber in Grenzen. Es sei jedenfalls nicht behauptet worden, dass die beiden tatsächlich Sex miteinander hatten, meint der Chefredakteur. "Selbst im entlegensten Mädchenpensionat in Osttirol weiß man, was mit diesen Sätzen gemeint ist", widerspricht Grassers Anwalt. "Eine Persönlichkeitsverletzung können wir durchaus erkennen", räumt der am bittersten schmunzelnde Anwesende, der "Bild"-Verteidiger, ein. Er verstehe ja auch die Aufregung. Es gebe eben "hie und da Betriebsunfälle". Aber könne man da wirklich von einem Schaden für den Finanzminister und seine Frau sprechen? Außerdem: "Wenn solche Fotos existieren, müssen sie einfach veröffentlicht werden. Wenn es nicht in der "Bild"-Zeitung geschehen wäre, hätte es jemand anderer gemacht."

"Gipfel der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches"

Für Richterin Alexandra Mathes stellt das "Bild"-Dokument "den Gipfel von manchem, in jedem Fall den Gipfel der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches" dar. "Unglaublich, ein echter Volltreffer", sagt sie. "Viel mehr geht gar nicht." Auf der Suche nach einer mit "Bild" vergleichbaren heimischen Zeitung "ohne hohen intellektuellen Anspruch" ist die Richterin auf die "Krone" gestoßen. Dort darf die Entgegnung veröffentlicht werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2006)

  • Der persönliche Lebensbereich dieses Mannes (und seiner Ehefrau Fiona) ist von "Bild" "in noch nie da gewesener Weise" verletzt worden, meint die Medienrichterin. Grasser will die Entschädigung einem karitativen Zweck  spenden.
    foto: standard/newald

    Der persönliche Lebensbereich dieses Mannes (und seiner Ehefrau Fiona) ist von "Bild" "in noch nie da gewesener Weise" verletzt worden, meint die Medienrichterin. Grasser will die Entschädigung einem karitativen Zweck spenden.

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