Gegen den Zerfall von Schall

6. Juni 2006, 19:34
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Maximal 30 Jahre gibt Dietrich Schüller, Leiter des Phonogramm-Archivs, digitalen Aufnahmen, bis sie unlesbar werden

Maximal 30 Jahre gibt Dietrich Schüller, Leiter des Phonogramm-Archivs, digitalen Aufnahmen, bis sie unlesbar werden. Das älteste Schallarchiv der Welt sammelt nicht nur Klänge und erkundet Nischen oraler Kultur - es forciert auch die Digitalisierung jeglicher Dokumente.

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Plattenspieler, Mischpulte, High-End-Verstärker- und Aufnahmetechnik neben analogen Maschinen mit bunten Reglern, Knöpfen und Pegelanzeigen in schaumstoffverkleideten Räumen - wer erwartet, im Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften ausschließlich bis an die Decke mit Schallplatten und Bändern gefüllte Regale vorzufinden, wird von professionellen Tonstudios und -laboratorien überrascht.

Immerhin handelt es sich bei der vor 107 Jahren gegründeten Institution um das älteste Schallarchiv der Welt. Hier befinden sich Stimmaufnahmen von Kaiser Franz Joseph und Arthur Schnitzler ebenso wie Tondokumente ritueller Gesänge der neuguineischen Baifa-Männer oder des unheimlichen Brummens und Knurrens laichender Amazonas-Fische.

Doch das Sammeln von Klang-Konserven ist nur ein Teil der Tätigkeit von Österreichs einzigem audiovisuellem Archiv, das rein wissenschaftlichen Zwecken dient. Neben der Unterstützung verschiedenster Forschungsprojekte begeben sich die Mitarbeiter selbst auf die Spuren von sonst ungehört verhallenden Tönen und Klängen. Und widmen sich - wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe - der Bewahrung des flüchtigen Schalls vor dem schleichenden Verfall, um ihn in die Zukunft zu retten.

So wie die brüchigen Bänder aus den Jahren 1940-1942, die im Auftrag der Nazis aufgenommen wurden und die Lieder, Redensarten und Geschichten der Südtiroler dokumentieren sollten, als ihnen im Zuge des Hitler-Mussolini-Paktes die Absiedelung drohte. Diese werden derzeit mit enormem Zeitaufwand restauriert und digitalisiert. Zum Abspielen dient ein wuchtiger Apparat der Marke Studer, "der Rolls-Royce unter den Tonbandgeräten und eines der letzten der analogen Generation", wie Dietrich Schüller, der Direktor des Phonogrammarchivs, nicht ohne Stolz erklärt. "Es gibt weltweit nur ein paar Dutzend Einrichtungen, wo die Kenntnis des Umgangs mit analogen Geräten aufrechterhalten wird", weist Schüller auf die Dominanz digitaler Tontechnik hin.

Nicht nur aufgrund des "Aussterbens" analoger Technologie ist Schüller, der kürzlich als Vizepräsident des Information-for-All-Programms der Unesco wiedergewählt wurde, einer der ersten und engagiertesten Verfechter einer langfristigen digitalen Aufbewahrung jeglicher Dokumente. "Kein Datenträger hält ewig. Je jünger sie sind, desto komplexer sind die Maschinen, die sie lesen können und desto kurzlebiger werden die Formate."

Paradigmenwechsel

Während Schellackplatten bis heute überdauert haben und Vinylplatten noch längere Zeit gut erhalten bleiben werden, steht es um Magnetbänder, aber auch CDs und DVDs nicht gut. Schüller gibt digitalen Aufnahmen "ein Zeitfenster zwischen zehn und maximal 30 Jahren". Für den Kulturanthropologen gibt es nur eine Lösung: "Das alte Paradigma, die Originale aufzuheben, ist hoffnungslos. Es geht darum, die Inhalte, die man behalten will, in digitale Files umzuwandeln, um sie in das jeweils aktuelle Speichersystem migrieren zu können."

Je 100 Millionen Stunden Audio- und Videoaufnahmen harren laut Schüller weltweit in den Archiven und drohen, von künftigen Historikern nicht mehr entziffert werden zu können. Doch Digitalisierung ist teuer: Eine hochwertige Konservierung kostet pro Gigabyte und Jahr zwischen sieben und zehn Euro. "Trotz stetig fallender Preise für Speicherplatz hat man noch nicht begriffen, dass Langzeitarchivierung finanziert werden muss", warnt Schüller vor der Gefahr, nicht rechtzeitig Vorsorge zu tragen. Schon bei der Generierung digitaler Daten müsse die Aufbewahrung mitgedacht werden.

Im Phonogrammarchiv ist man der Entwicklung schon einen Schritt voraus: Das selbst entwickelte Verfahren zur unkomprimierten Digitalisierung analogen Audio-Materials hat internationale Beachtung gefunden, auch das von Cheftechniker Franz Lechleitner erfundene Gerät für die Übertragung historischer Edison-Zylinder wird in alle Welt verkauft. Seit 2001 werden auch videografische Dokumente gesammelt.

Ende 2005 wurden rund 63.000 Aufnahmen mit einer Gesamtdauer von 9000 Stunden gezählt, ein Drittel davon ist bereits digital gespeichert. Der Schwerpunkt liegt im geisteswissenschaftlichen Bereich, insbesondere der Dialektologie und Ethnomusikologie.

Die eigene Feldforschung widmet sich vorrangig noch unerschlossenen Nischen der oralen Kultur: So wurden in den letzten Jahren die Mundarten von altösterreichischen Auswanderern, wie den nach Siebenbürgen ausgesiedelten "Landlern" oder den Tirolern in Südamerika, erfasst und ausgefallenen Roma-Dialekten nachgespürt. Musik im ländlichen Raum wurde ebenso dokumentiert wie die musikalischen Aktivitäten von Zuwanderern in Wien. Das jüngste Videoprojekt befasste sich mit den kulturellen und religiösen Gebräuchen der bucharischen Juden. (DER STANDARD, Printausgabe 31.5.2006)

Von Karin Krichmayr
  • Dietrich Schüller und der "Rolls-Royce unter den Tonbandgeräten": Auf dieser
Maschine werden derzeit Bänder der Nazis aus den Jahren 1940 bis 1942, die
Südtiroler Lieder und Redensarten dokumentieren, in mühevoller Arbeit ins digitale Zeitalter überführt – und so vor dem drohenden Verfall gerettet.
    foto: der standard/hendrich

    Dietrich Schüller und der "Rolls-Royce unter den Tonbandgeräten": Auf dieser Maschine werden derzeit Bänder der Nazis aus den Jahren 1940 bis 1942, die Südtiroler Lieder und Redensarten dokumentieren, in mühevoller Arbeit ins digitale Zeitalter überführt – und so vor dem drohenden Verfall gerettet.

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