"Ungehewre grosse Riesencörper"

6. Juni 2006, 19:34
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Das Gebiet zwischen Krems und Tulln ist eine Schatztruhe für Archäo­logen - Die Erforschung der Region ist jung, die Funde dagegen uralt

Das Gebiet entlang der Donau zwischen Krems und Tulln ist eine Schatztruhe für Archäologen. Die Erforschung der Region ist jung, die zutage geförderten Funde dagegen uralt.

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Die Altsteinzeit, etwa 300.000 bis 10.000 BP (das heißt: vor heute) war in Österreich lange Zeit ein Stiefkind der Forschung. Während in den 1980er- und 1990er-Jahren zahlreiche Grabungen unternommen wurden, die sich mit unserer - archäologisch gesehen - Gegenwart, also etwa den vergangenen 8000 Jahren, befassten, war das Interesse an unserer ältesten Geschichte relativ gering. Dementsprechend gelangen die Entdeckungen - wie die der "Fanny" getauften Frauenstatuette, der ältesten künstlerischen Darstellung Österreichs - eher zufällig.

Das veranlasste die Prähistorische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, einen neuen Forschungsschwerpunkt auf die Zeit zwischen 32.000 und 20.000 BP zu legen: Mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsfonds und unter der Projektleitung von Herwig Friesinger wurde in Zusammenarbeit von Geowissenschaftern, Paläontologen und Archäologen das Gebiet entlang der Donau zwischen Krems und Tulln umfassend prospektiert, alte Fundplätze wurden neu bearbeitet.

Wie sich herausstellte, war es höchste Zeit, denn der Donauraum war nicht nur in der Urzeit ein attraktiver Siedlungsraum, sondern ist es heute noch. In der Folge zeichnet er sich durch eine rege Bautätigkeit aus, die eine massive Bedrohung für unentdeckte neue beziehungsweise noch nicht mit den neuesten Methoden untersuchte alte Fundplätze darstellt.

Ein solches Bauvorhaben (Reihenhäuser und eine Tiefgarage) bedrohte auch einen der reichhaltigsten altbekannten Fundorte, den so genannten Hundssteig in Krems, einen ehemaligen Hohlweg, der an der Südseite einer Anhöhe über der Altstadt von Krems, des Wachtberges, verläuft.

Hier wurden bereits im 17. Jahrhundert bei Befestigungsarbeiten "ungehewre grosse Riesencörper" gefunden - Mammutknochen, die man damals für Überbleibsel von Riesen hielt. Spätere Keller-und Hausbauten brachten immer wieder Funde zutage, und als um 1900 Löss für einen Hochwasserschutzdamm abgebaut wurde, wurden rund 70.000 Steinartefakte wie Klingen oder Kratzer ausgegraben. Der damalige Direktor des Städtischen Museums Krems, Johann Strobl, bemühte sich zwar erfolgreich um die Erhaltung der Funde, indem er sie aufmerksamen Arbeitern abkaufte, eine wissenschaftliche Sicherung beziehungsweise Untersuchung der Fundstelle jedoch wurde ihm nicht gestattet.

Zeitlicher Übergang

Die Artefakte wurden mit einem Alter von 35.000 Jahren einer Epoche der Altsteinzeit zugeordnet, die man "Aurignacien" nennt und die von 40.000 bis 30.000 BP dauerte. Sie stellt den Anfang der jüngeren Altsteinzeit, des Jungpaläolithikums dar und ist durch lange, schmale und mit Hammer-Meißel-Technik gefertigte Steinklingen gekennzeichnet. Die nachfolgende Epoche von 30.000 bis 20.00 BP wird als "Gravettien" bezeichnet, und das für sie typische Gerät war die so genannte Gravettespitze, eine schmale Spitze aus Feuerstein. Vom Hundssteig bei Krems versprachen sich die Wissenschafter, dass er den Übergang zwischen den beiden Zeitabschnitten dokumentieren würde.

Eilige Kontaktnahmen der Prähistorischen Kommission mit dem Bundesdenkmalamt und dem Bauträger Gedesag resultierten in einem zwölfmonatigen Grabungsprojekt, dessen Kosten zum größten Teil die Baugesellschaft übernahm. Aufgrund von Testbohrungen wurde ein 280 Quadratmeter großes Areal ermittelt, das vor Baubeginn ausgegraben werden musste. Bereits der erste Testschnitt barg Überraschungen und zeigte, dass der Grabungsort hervorragend gewählt war: Wie erwartet, brachte er eine mächtige Kulturschicht zutage, doch wies diese erstaunlicherweise ein Alter von etwa 27.000 bis 29.000 Jahren auf - und das an exakt derselben Stelle, an der schon zu Strobls Zeiten die 35.000 Jahre alten Artefakte gefunden worden waren.

Zahlreiche Überreste

Die folgenden Flächengrabungen unter der Leitung von Christine Neugebauer-Maresch bestätigten die Zugehörigkeit der Kulturschicht zum Gravettien. Sie förderten insgesamt vier Feuerstellen zutage - die jedoch nicht gleichzeitig angelegt wurden - und zahlreiche fossile Überreste von Tieren, darunter Mammut, Rentier, Wolf und Eisfuchs, aber auch zierlichere Skelettteile, wie etwa Schädel von Schneehasen und Knochen von Vögeln oder Kleinsäugern. Die Freilegungsarbeiten erfolgten so sorgfältig und penibel, dass sogar Reste von Eierschalen - wahrscheinlich eines Auerhuhns - sichergestellt werden konnten.

Die damaligen Menschen (es handelte sich bereits um Homo sapiens sapiens und nicht um Neandertaler) lebten als nomadisierende Jäger und Sammler, die immer wieder vorübergehende Winter- beziehungsweise Sommerlager bezogen. Die Jagdbeute wurde dabei an der Peripherie zerlegt und erst dann ins eigentliche Lager gebracht. Das Spektrum der am Hundssteig gefundenen Knochen sowie die Schnitt- und Zerlegungsspuren daran und der Umstand, dass keine Mammut-Stoßzähne gefunden wurden, zeigen, dass an diesen Stellen das Jagdwild zerteilt und nur die unbrauchbaren Überreste deponiert wurden.

Der Fundplatz weist außerdem ein besonderes Merkmal auf, und zwar sehr zahlreiche, millimeterdünne Kalkspuren, die sich als Überbleibsel von Hölzern herausstellten. Der Kalk stammt aus dem Löss, der sich in dieser Zeit relativ schnell ablagerte. Weiter gehende Untersuchungen zeigten, dass es an dieser Stelle zur fraglichen Zeit einen Nadelbaumbestand (zumindest teilweise mit Föhren) gegeben haben muss. Hölzer ganz anderer Natur legten die Forscher nahe einer der Feuerstellen frei: gerade, unverzweigte, zwei Zentimeter breite, aber bis zu 2,2 Meter lange Bündel von Hölzern, von denen zumindest zwei eine sich verjüngende Spitze aufwiesen - möglicherweise handelte es sich um Bündel von Speeren.

Neue Grabungen, die im Rahmen eines ebenfalls vom Wissenschaftsfonds finanzierten Folgeprojektes im Frühjahr 2005 hundert Meter hangaufwärts in Angriff genommen wurden, stießen prompt auf eine archäologische Sensation, die so genannten Zwillinge von Krems - DER STANDARD berichtete. Dabei handelt es sich um das 27.000 Jahre alte Gemeinschaftsgrab von zwei Säuglingen, das von einem Mammut-Schulterblatt abgedeckt wurde, das seinerseits wieder von einem großen Stück Mammut-Elfenbein gestützt war. Ob es sich bei den Babys tatsächlich um Zwillinge handelte, soll in nächster Zeit geklärt werden, die aufwändige Bestattung legt jedoch nahe, dass die Kinder etwas Besonderes waren - und das wären sie als Zwillinge zweifellos gewesen.

Reste einer Befestigung

Zusätzlich zu den altsteinzeitlichen Ergebnissen fanden sich auch Reste einer Befestigung, die in der Jungsteinzeit an dieser Stelle errichtet wurde. Der Südhang des Wachtberges, der einen weiten Blick ins umgebende Land und auf sich nähernde Gefahren erlaubt, war offensichtlich zu allen Zeiten ein optimaler Platz, um sich - zumindest vorübergehend - niederzulassen. Übrigens ein Umstand, mit dem auch die Baufirma der Reihenhäuser für ihr Projekt warb. (DER STANDARD, Printausgabe 31.5.2006)

Von Susanne Strnadl
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    Das 27.000 Jahre alte Gemeinschaftsgrab von zwei Säuglingen, das von einem Mammut-Schulterblatt abgedeckt wurde. Ob es sich bei den so genannten Kremser Zwillingen tatsächlich um Zwillinge handelt, soll demnächst geklärt werden.

  • Ein Archäologe bei der Arbeit am Hundssteig bei Krems: Ein Mammutknochen aus der Altsteinzeit wird hier gerade freigelegt.
    foto: öaw

    Ein Archäologe bei der Arbeit am Hundssteig bei Krems: Ein Mammutknochen aus der Altsteinzeit wird hier gerade freigelegt.

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