Angst essen Fortschritt auf

6. Juni 2006, 19:34
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Der Theologe Ulrich Körtner ist neu in der Ethikkommission der Unesco - Im STANDARD-Interview spricht er über neue Heraus­forderungen an die Ethik der Wissenschaften

Der Theologe Ulrich Körtner wurde in die Ethikkommission der Unesco berufen. Peter Illetschko sprach mit ihm über neue Herausforderungen an die Ethik der Wissenschaften, über die Optimierung der Natur und die Sinnlosigkeit des Fernsehverbots.

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STANDARD: Sie bemühen sich seit Jahren, ethische Fragen in die Naturwissenschaften und in die Technik zu tragen. Nun wurden Sie Mitglied der Comest, der Ethikkommission der Unesco, die ethische Fragen in allen Wissenschaften behandelt. Was können Sie auf dieser Ebene bewirken?
Körtner: Wichtig erscheint mir, die Ethik schon in die Ausbildung zu integrieren. Es gibt biologisch-philosophische Seminare, es gibt Medizinethik als Teil des Studiums. Leider passiert das nicht in allen Bereichen. Fragen nach dem Sinn, nach der Wirkung des Tuns sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

STANDARD: Gibt es eine Bereitschaft, sich mit ethischen Fragen zu beschäftigen?
Körtner: Es gibt einen enormen Bedarf an Orientierungswissen - obwohl es heißt, dass zwischen den Welten der Naturwissenschafter und der Geisteswissenschafter, in diesem Fall der Theologen und Ethiker, kaum Kommunikation möglich ist. Aber dieser These sollten wir nicht unkritisch aufsitzen.

STANDARD: Wie verhält es sich denn umgekehrt? Wie stehen Geisteswissenschafter, also Ihre Wissenschafts-Community, zu den Naturwissenschaftern?
Körtner: Nicht alle, aber manche verhalten sich da sehr präpotent. Und meinen: Die Physiker, Mathematiker, Biologen hätten nicht den nötigen philosophischen Hintergrund. Es gibt da durchaus eine Unkultur zu glauben, sich nicht mit Naturwissenschaften beschäftigen zu müssen. Aber gleichzeitig wird Kulturpessimismus verbreitet und gesagt, dass bestimmte Entwicklungen nur ins Verderben führen können. Eine oberflächliche Art der Reflexion.

STANDARD: Welche Art der Reflexion würden Sie sich wünschen? Besonders in Hinblick auf neue Forschungsvorhaben, etwa in der Medizin, die in Bereiche vorstoßen, die man früher für unmöglich hielt.
Körtner: Wir brauchen sicher keine neue Ethik. Manche reden schon von Nanoethik, weil man jetzt Schwerpunkte in den Nanotechnologien setzt. Wenn man bedenkt, dass ein Nanometer 10 hoch minus neun Meter sind, dann wäre das eine verkleinerte Form von Ethik - und so eine Ethik würde ich mir nicht wünschen (lacht). Aber es stimmt sicher: Die gegenwärtigen Entwicklungen und Forschungsthemen stellen neue Anforderungen an die Ethik.

Es entstehen neue Schnittstellen zwischen künstlichem Material und, wenn ich das einmal so nennen darf, biologischem Material. Die Natur wird in hohem Maße technisch manipuliert. Oft wird die Frage gestellt: Darf die Medizin, was sie kann? Die Antwort kann nur heißen: Sie muss tun, was sie kann, solange die Frage nach dem Sinn des Ganzen nicht wirklich gestellt wird. Die Erwartungen der Gesellschaft sind so hoch. Ihr mangelt es an Selbstkritik der kollektiven Wünsche.

STANDARD: In welchen Bereichen wird die Natur manipuliert?
Körtner: Wenn es etwa darum geht, einem Alzheimer-Patienten mittels eines implantierten Chips ein besseres Leben zu verschaffen. Wenn es insgesamt darum geht, neue Technologien in der Implantationsmedizin zu verwenden. Hier wird Natur durch Technik optimiert.

STANDARD: Kein Problem, oder?
Körtner: Es ergeben sich aber daraus auch viele Fragen, die man aus ethischer Sicht stellen muss. Sind Eingriffe in die Persönlichkeit erlaubt? Und wenn ja, wo liegen die Grenzen? Was ist aus medizinisch-therapeutischer Sicht noch zweckmäßig? Was ist reine Optimierungsmedizin? Und wo werden die Grenzen gesetzt? Darf man sich dann auch wünschen, schneller rechnen oder schneller laufen zu können? Wer sind die Nutznießer, wer die Verlierer dieses Fortschritts? Wer zahlt das alles? Mit all diesen Fragen sollte man sich beschäftigen, ehe es zu Anwendungen kommt und die ethische Debatte hinterherhinkt.

STANDARD: Menschen reagieren bei mangelnder Information über den Fortschritt mit Angst und Abwehr...
Körtner: Desinformation nährt den Verdacht, manipuliert zu werden. Dann entsteht Angst und Ablehnung. Wie am Beispiel der Gentechnik deutlich zu sehen war. Forschung und Technologiepolitik sind bis heute traumatisiert, weil Gentechnik abgelehnt wurde. Sie haben Sorge, jede Information der Öffentlichkeit könnte als Manipulationsansatz missverstanden werden. Debatten werden aus Furcht vor den Reaktionen nicht geführt.

STANDARD: Neigen wir dazu, Folgen von Entwicklungen nicht abzuwägen, sondern entweder leidenschaftlich dafür oder dagegen zu sein?
Körtner: Wir verkürzen die Diskussion gerne auf "ist risikoreich" und "ist ohne Risiko". Das ist aber viel zu kurz gedacht und reine Technikfolgenabschätzung. Und wenn wir zum Befund "risikoreich" kommen, hilft es in Wirklichkeit nicht, sich hinter Verboten zu verstecken.

Mündige moderne Menschen müssen die Freiheit haben, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Und in der Qual der Wahl die Möglichkeit haben, menschenwürdige Bedingungen im Umgang mit den Technologien zu schaffen. Das ist wie mit dem Fernsehverbot für Kinder. Man kommt am Fernsehen nicht vorbei, man muss lernen, damit umzugehen. (DER STANDARD, Printausgabe 31.5.2006)

Das Interview führte Peter Illetschko

Zur Person

Ulrich Körtner, Jahrgang 1957, ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Er studierte Evangelische Theologie in Bethel, Münster und Göttingen. In den Achtzigerjahren war er Gemeindepfarrer in Bielefeld. 2001 wurde er Wissenschafter des Jahres. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Im Juni erscheint: "Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen", hier war Körtner Co-Herausgeber. Körtner ist Vater zweier Kinder und hört leidenschaftlich gern Musik - Klassik ebenso wie Rock. (pi)

  • Der Theologe Ulrich Körtner glaubt, dass eine ethische Auseinandersetzung mit neuen Forschungsziele, vor allem in der Medizin, dringend nötig wäre.
    foto: der standard/andy urban

    Der Theologe Ulrich Körtner glaubt, dass eine ethische Auseinandersetzung mit neuen Forschungsziele, vor allem in der Medizin, dringend nötig wäre.

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