"Ich halte auch zu Serbien allein"

31. Mai 2006, 16:04
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Dejan Savicevic, Präsi­dent des montenegrini­schen Fußballverbandes, über das letzte Team mit Ser­bien - ein STANDARD-Interview

Das Gespräch mit dem Präsidenten des montenegrinischen Fußballverbands führte Standard-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek:

Standard: Was bedeutet es für die WM-Endrunde in Deutschland, dass das Teilnehmerland Serbien-Montenegro einfach verschwunden ist?

Savicevic: Nichts. So, wie sie sich qualifiziert hat, wird die Mannschaft auch spielen.

Standard: Sind auch Montenegriner in der Mannschaft?

Savicevic: Es waren zwei, jetzt ist es nur noch einer. Torhüter Dragoslav Jevric wird auch sicher spielen. Stürmer Mirko Vucinic von US Lecce hat sich beim ersten Spiel der U-21-WM in Portugal, bei der ja Serbien-Montenegro auch als Team auftritt, eine schwere Knieverletzung zugezogen. Nationaltrainer Ilija Petkovic berief für ihn seinen Sohn Dusan Petkovic ein.

Standard:Hat der Teamchef bei der Auswahl die Montenegriner diskriminiert?

Savicevic: Ich glaube nicht. Einen zusätzlichen Montenegriner hätte er noch wählen können. Aber das ist die Freiheit des Trainers.

Standard: Sind Montenegriner früher zu kurz gekommen, wenn es um die Auswahl für Länderspiele ging?

Savicevic: Ja, bei der Juniorenmannschaft hat es immer Probleme gegeben.

Standard:Ist es überhaupt vertretbar, bei der Auswahl einer Fußballmannschaft so etwas wie eine nationale Quote einzuführen?

Savicevic: Darum geht es nicht. Entscheidend sind die Interessen der großen Vereine. Die richten sich gegen die Auswahl von Montenegrinern.

Standard: Nach der Statistik hätte Montenegro sowieso nur einen Spieler im Nationalteam. Nur jeder zwölfte Bürger der ehemaligen Staatengemeinschaft ist schließlich Montenegriner.

Savicevic: Ja, ja, das ist die Statistik. Wir sind ein sehr sporttalentiertes Volk. Selbst im alten viel größeren Jugoslawien hat es immer zwei, drei montenegrinische Nationalspieler gegeben. Wir konnten uns immer mit Serbien und Kroatien messen. Kroatien haben wir seinerzeit 3:0 geschlagen. Übrigens hätte von mir aus das alte Jugoslawien ruhig bestehen bleiben können.

Standard: Wie stellen Sie sich denn die weitere Zukunft des montenegrinischen Fußballs vor? Wird es eine eigene Nationalliga geben?

Savicevic: Hoffentlich! Eine eigene Liga, eine eigene Nationalmannschaft. Ich denke, wir können mit unserem Verband bis Ende des Jahres Mitglied der FIFA und der UEFA sein.

Standard:Ist Montenegro für eine nationale Liga nicht ein bisschen klein?

Savicevic: Nein. Wir haben jetzt zwei Ligen zu je zwölf Mannschaften, und dazu wird es in Zukunft zwei, drei regionale Ligen geben.

Standard: Sie haben für Roter Stern Belgrad gespielt, als der Gangster und spätere Kriegsverbrecher Arkan dort Chef des Fanclubs war. Hat Sie die nationalistische Stimmung damals nicht gestört?

Savicevic: Ach, davon hat man doch nichts gemerkt. Und Arkan hatte überhaupt nichts gegen Montenegriner.

Standard: Wem drücken Sie denn bei der Weltmeisterschaft die Daumen?

Savicevic: Serbien-Montenegro natürlich. Und bei der nächsten WM halte ich auch zu Serbien allein. Uns orthodoxen Montegrinern wird Belgrad immer näher sein als Zagreb, Sarajewo oder Ljubljana. Wir sind ja nicht für die Unabhängigkeit, weil wir etwas gegen Serbien und die Serben haben.

Standard: Als Sie gemeinsam bei AC Milan gespielt haben, galten Sie und der Kroate Zvonimir Boban als enge Freunde. Hat die Freundschaft den Krieg überlebt?

Savicevic: Na klar. Wir haben schon zusammen den Wehrdienst geleistet und werden immer gute Freunde bleiben.

Standard: Wer wird in Deutschland Weltmeister?

Savicevic: Brasilien.

Standard: Und wie wird das Team Serbien-Montenegros abschneiden?

Savicevic: Wir haben mit Argentinien und den Niederlanden eine schwere Gruppe erwischt und sind eher mit der Elfenbeinküste auf ähnlichem Niveau. Ich würde es nicht einmal für einen Misserfolg halten, wenn wir die Vorrunde nicht überstehen. Immerhin haben wir uns qualifiziert. (DER STANDARD Printausgabe 31.05.2006)

Zur Person:

Dejan Savicevic (39) gehörte als Stürmer bei Roter Stern Belgrad und später beim AC Milan zu den größten Fussballtalenten Jugoslawiens. Mit beiden Teams gewann er den Europacup. 1991 belegte er bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres Platz zwei. Von 1999 bis 2001 kickte er in Wien bei Rapid, danach beendete er seine aktive Karriere. Von 2001 bis 2003 war er Nationaltrainer Jugoslawiens. Vor der Volksabstimmung warb Savicevic auf Plakaten für ein Ja zur Unabhängigkeit Montenegros. "Ich halte auch zu Serbien allein"

  • Ex-Rapidler Dejan Savicevic ist Montenegros Fußball-Präsident.

    Ex-Rapidler Dejan Savicevic ist Montenegros Fußball-Präsident.

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