31. 5.2006: PEN, Grass, Handke und viel Geheule

Zwischen den Klippen von Politik und Poesie: Das Dilemma der engagierten Literatur - von Burkhard Müller-Ullrich

Was für eine faszinierende Gleichzeitigkeit der Gegensätzlichkeiten: Während in Berlin der PEN-Kongress eröffnet wurde, kam aus Düsseldorf die Kunde über den neuen Heine-Preisträger. Fast im selben Augenblick, da Günter Grass eine von donnerndem Applaus gefolgte Anklage gegen Amerika vortrug, wurde Peter Handke als Fürsprecher Serbiens geehrt.

Der PEN-Club hat sich die Verteidigung des freien Wortes auf die Fahnen geschrieben. In der Begründung des Heine-Preises ist von "einer offenen Wahrheit" die Rede. Damit ist keine offensichtliche gemeint, sondern es soll darum gehen, die Wahrheitsfindung offen zu halten für die irritierenden Wahrnehmungen eines reisenden Poeten, als welcher Handke sich sogar dem serbischen Unheilspräsidenten Milosevic genähert hatte.

Doch während der PEN für seine Offenheit, für seinen Meinungsfreiheitseinsatz, für seinen Kampf zugunsten des Dissenses allgemein gefeiert wird, gilt das alles für Peter Handke nicht. Seine Serbenfreundlichkeit ist politisch dermaßen geächtet, dass der ganze publizistische Betrieb über ihn herfällt und ihn mundtot machen möchte. Dabei tut Handke doch nichts anderes als das, was Grass predigt.

Nicht weit entfernt

Wahrhaftig, die beiden liegen gar nicht so weit auseinander, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Grass sagte in seiner Rede vor dem PEN: "Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf dass er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat."

Damit ist die Arbeitsweise Peter Handkes treffend umrissen. Doch dann löst sich Grass jäh aus seiner proklamierten Schriftsteller-Neutralität und reitet scharfe politische Attacken gegen Bush und Blair, um unter Anrufung barocker Poeten-Kollegen wie Gryphius und Grimmelshausen flugs wieder in der Dichter-Wolke zu verschwinden.

Bei Handke sieht es ähnlich aus. Auch er hat ein politisches Programm, das er mit Vehemenz ausbreitet und abarbeitet. Doch wenn ihn seine Gegner mit historischen Tatsachen zu behaften suchen, kippt seine Argumentation ins Lyrische. Dann ist der Verfasser der "Stunde der wahren Empfindung" plötzlich nur noch Sprach- und Spür-Künstler, der schaut, der begreift, der empfindet, der sich erinnert und der fragt - wie er unlängst bei Milosevics Beerdigung sagte. Das Dilemma der engagierten Literatur lässt sich nicht auflösen. Zwischen den Klippen von Politik und Poesie ohne abzurutschen hin- und herzuspringen, ist seit Heine kaum jemandem gelungen. Aber der groteske Unterschied zwischen dem Echo, das eine Rede von Grass findet, und dem Geheule, das dagegen ein Handke erntet, muss einem doch zu denken geben.

Schließlich trifft Handke mit seiner beharrlichen Verteidigung demütiger Einzelwahrnehmung gegenüber einer von den Medien transportierten Scheinrealität genau den wundesten Punkt unseres so genannten Informationszeitalters: Wir erfahren immer mehr und empfinden immer weniger, doch nur beides zusammen kann zum Verstehen führen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2006)

Burkhard Müller-Ullrich, Mitglied der Autorengemeinschaft "Achse des Guten", lebt als freier Publizist in Köln.
Share if you care