Pro: Dichtung und Wahrheit

2. Juni 2006, 19:55
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Kommentar von Adelheid Wölfl

Die Juroren erwiesen dem Dichter einen Bärendienst. "Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtlos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale", lautete die eindeutig politische Begründung der Heine-Preis-Jury. Belohnt werden sollte also nicht das Werk des Dichters, sondern seine Haltung. Nun ist von der Auseinandersetzung zwischen Handke und "der veröffentlichten Meinung" vor allem seine Position zur serbischen Politik in den 1990er-Jahren bekannt, der er einiges abgewinnen konnte. Zuletzt war Handke auf dem Begräbnis des Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic zu sehen, auf dem er eine kurze Rede hielt. Soll sein.

Es geht nicht darum, dass Handke den Preis nicht bekommen soll, weil er sich in die Nähe Milosevics begeben hat, sondern weil er dafür indirekt gelobt wurde. Die Jury tat so, als gehe es um einen Kampf des Dichters für die "Wahrheit" gegen eine übermächtige Meinung, so als wäre er ein Held, der endlich aufdeckt, was sich niemand zu sagen traue. Das ist gefährlich. Denn zum Krieg in Jugoslawien gibt es jenseits von subjektiver "Wahrheit" und "Meinung" Fakten, die auch der Jury bekannt sein müssten - etwa, dass das serbische Regime für die Ermordung von 7800 Bosniaken in Srebrenica verantwortlich war.

Handkes Parteilichkeit kann wohl auch vor dem Hintergrund antiserbischer Ressentiments gesehen werden, die noch immer existieren. Es gäbe tatsächlich etwas zu verteidigen, was Handke allerdings nicht tut: jene Serben, die ob der Politik des Diktators verzweifelten, ihn im Jahr 2000 aus dem Amt jagten und ans Kriegsverbrechertribunal auslieferten. Auch für dieses andere Serbien ist das Signal der Jury eine Verhöhnung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2006)

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