Schüssel und Barroso bei EU-Religionsdialog: "Verständigung ist ein ehrliches Anliegen"

1. Juni 2006, 16:10
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Religiöse Führer trafen sich zu Austausch in Brüssel - Im EU-Parlament ist indessen der religiöse Fundamentalismus auf dem Vormarsch

Gleich zum Auftakt des Treffens gab es eine Pressekonferenz: "Verständigung ist ein ehrliches Anliegen Österreichs", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und erklärte, dass das Treffen eines der ersten Pläne Österreichs für die EU-Präsidentschaft gewesen sei. Barroso verwies auf das Motto der Veranstaltung: "Grundrechte und gegenseitiger Respekt". Dies solle die Basis für einen Dialog sein.

Auf der Einladungsliste standen Vertreter der christlichen Kirchen, der muslimischen und jüdischen Gemeinden sowie das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten, der Dalai Lama. Österreich war bei dem Treffen überdurchschnittlich gut vertreten: Durch den Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn und den Präsidenten der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Anas Shakfeh.

Die Vereinigung der europäischen Rabbiner fühlte sich jedoch diskriminiert. Während aus den andere Weltreligionen jeweils drei Vertreter eingeladen worden seien, seien für das Judentum nur zwei Rabbiner vertreten, monierte die Organisation. Sie hatte sich auch an Kommissionspräsident Barroso gewandt.

Über das Thema Religion wird nicht nur im Zusammenhang mit der europäischen Verfassung gestritten. Schüssel und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten am Wochenende erklärt, sie wollten weiter einen Gottesbezug in der Verfassung.

Auch im Europäischen Parlament ist der religiöse Einfluss immer mehr festzustellen. Mit der Erweiterung im Mai 2004 haben die religiösen Kräfte an Gewicht gewonnen, weil insbesondere aus Polen, Tschechien und der Slowakei sehr viele katholische Abgeordnete kommen, die ihre Politik mit ihrem Glauben begründen. "Bei Abstimmungen über ethische Fragen haben wir jetzt Mehrheiten, die es vor der Erweiterung nicht gab", freute sich der Abgeordnete Bernd Posselt von der CSU in einem Interview.

Aids als Gottes Strafe

Einige, die von Parlamentarierkollegen als "religiöse Fundis" bezeichnet werden, haben wichtige Posten erreicht. Die Slowakin Anna Záborská ist etwa Vorsitzende des Frauenausschusses im Europäischen Parlament. Sie bezeichnet öffentlich Aids als "Gottes Strafe für Homosexualität". Abtreibungen lehnt sie auch dann ab, wenn die Frau vergewaltigt wurde.

Vor Kurzem kam es im Parlament zu einem Eklat: Eine von polnischen Abgeordneten initiierte Ausstellung zeigte im Foyer Bilder von Kindern in einem KZ, auf der anderen einen Fötus nach der Abtreibung. Daneben die Frage: "Wenn eine Mutter ihr eigenes Kind töten kann, wie kann man dann verhindern, dass Männer sich umbringen?" Nach heftigen Protesten ordnete die Parlamentsverwaltung die Abnahme an. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2006)

Alexandra Föderl-Schmid aus Brüssel
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    Ein gemeinsames "Brainstorming" war das Ziel des Treffens von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso mit hochrangigen Religionsführern.

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