Porträt: Osttimors Hoffnungen richten sich nun auf Präsident Gusmao

30. Juni 2006, 12:47
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Vom Unabhängigkeitskämpfer zum Kämpfer gegen die Gewalt

Dili - Vier Jahre nach seiner endgültigen Wandlung vom Unabhängigkeitskämpfer zum Staatsoberhaupt muss Osttimors Präsident Xanana Gusmao erneut zusehen, wie sein kleines Land in Gewalt und Anarchie versinkt. Jahrelang hatte der Dichter von den Hügeln Osttimors aus gegen die indonesischen Besatzer gekämpft; nach der schwer erkämpften Unabhängigkeit seines Landes wollte er sich gerne als "Kürbisfarmer" zur Ruhe setzen - stattdessen wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Wie sehr ihn das Land braucht, zeigte sich erst jetzt wieder: Am Dienstag übernahm er alle Vollmachten und unterstellte zunächst die Armee seiner Kontrolle. Die Gewalt müsse ein Ende haben, verkündete er.

Nichts in seinem Lebenslauf deutete zunächst auf Gusmaos ungewöhnliche Karriere hin. Am 20. Juni 1946 wurde er als Sohn katholischer Eltern in der damals noch portugiesischen Provinz Osttimor geboren. Nach seiner Ausbildung auf einer Schule der Jesuiten wurde er Beamter, bevor er in der portugiesischen Armee drei Jahre lang Dienst leisten musste. Gemeinsam mit dem heutigen Außenminister José Ramos-Horta setzte er sich zunächst friedlich - und erfolgreich für ein Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft ein. Als Indonesien 1975 Osttimor völkerrechtswidrig besetzte, ging er in den bewaffneten Untergrund. Selbst nach seiner Festnahme 1992 leitete er von seiner Zelle aus den Widerstand in seiner Heimat weiter.

Australische Intervention

1999 stimmte Osttimor für seine Unabhängigkeit; pro-indonesische Milizen überzogen daraufhin mit Hilfe des indonesischen Militärs das Land mit Gewalt. 1400 Menschen wurden ermordet. Erst auf Intervention Australiens endete das Morden. 2002 wurde Osttimor unabhängig und Gusmao zu seinem ersten Präsidenten. Nur ungern ließ er sich zu der Kandidatur überreden, wie er damals versicherte: "Ich wollte immer ein Kürbisfarmer sein. Ich wollte nie Präsident werden, ich will es auch jetzt nicht. Hoffentlich kann ich Euch in fünf Jahren endlich meinen selbstgezogenen Riesenkürbis servieren." Und noch im April bekräftigte er gegenüber AFP, er sei im Grunde genommen ein "frustrierter Bauer" geblieben: "In meinem Herzen bin ich ein ganz gewöhnlicher Mensch. Präsident zu sein, ist nur eine Pflicht, meine Arbeit."

Als Staatsoberhaupt hatte der bald 60-Jährige bisher vorwiegend repräsentative Aufgaben. Dies änderte sich am Dienstag. Um die Gewalt zu stoppen, übernahm Gusmao alle Vollmachten, wie es ihm die Verfassung im Falle des Notstands ausdrücklich zugesteht. Unter dem Notstandsrecht kann er auch die Kontrolle über die Regierung übernehmen und das Parlament auflösen, doch darauf verzichtete er zunächst - vermutlich zum Bedauern vieler Osttimorer.

Unbeliebter Premier

Im Gegensatz zum unbeliebten Ministerpräsidenten Mari Alkatiri kann sich Gusmao ihrer Unterstützung sicher sein. Noch am Dienstag versammelten sich Einwohner Dilis immer wieder zu kleinen Kundgebungen und forderten den Präsidenten auf, Alkatiri zu entlassen und selbst die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Dem Ministerpräsidenten, einem Vertreter der moslemischen Minderheit, warfen sie vor, nichts gegen die Probleme des Landes zu unternehmen.

Gusmao steht vor einer Herkulesaufgabe: Seit dem Massaker 1999 ist das Land tief gespalten - der Ost-Westkonflikt beherrscht Armee, Polizei und selbst die marodierenden Jugendbanden. Zudem ist das kleine Land bitterarm; 40 Prozent der Bevölkerung hat keine Arbeit, vor allem der Jugend fehlt jede Aussicht auf eine bessere Zukunft. Bis heute wurde die Vergangenheit nicht aufgearbeitet. "Wir müssen alles tun, die alten Gefühle von Hass und Rache zu begraben, sonst werden wir noch lange mit den alten Geistern leben", hatte Gusmao nach seiner Wahl 2002 gesagt. Die jüngste Gewalt zeigte, wie Recht er damit hatte. (APA)

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