Scharfe Autoren-Kritik an Nicht-Vergabe

Ruiss sieht "glasklaren Fall von Zensur", Streeruwitz "das Ende der Aufklärung", Jelinek ist "sehr entsetzt"

Wien - Für einen "glasklaren Fall von Zensur" hält Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, die Entscheidung über die Nicht-Vergabe des Heine-Preises an Peter Handke. "Ich halte dieses Vorgehen für klagfähig", so Ruiss. "Es handelt sich um eine unabhängige Jury-Entscheidung, die nicht im Sinne des Geldgebers ist." 60 Jahre nach der Gesetzeskonstituierung in Deutschland gerate das Grundgesetz der Freiheit der Kunst "ins Wanken". Auch Marlene Streeruwitz sieht durch die Entscheidung einen historischen Einschnitt.

Auf dem Weg zur "Gefälligkeitskunst"?

"Mit politischer Selbstverständlichkeit wird hier Zensur ausgeübt, wie es nicht denkbar ist", empörte sich Ruiss. Dies führe früher oder später zu einer "Gefälligkeitskunst". Mit den Attacken gegen Peter Handke wolle man im Nachhinein sein Werk korrigieren. Es sei bezeichnend, dass ausgerechnet ein Grüner Bundestagsabgeordneter den Stein ins Rollen brachte, da die Grünen mit ihrer Kriegsrhetorik rund um den Jugoslawienkrieg das Image der Pazifisten verloren hätten. Peter Handke habe eine Gegenposition zu dieser Kriegseuphorie eröffnet.

Auch sei es ein Skandal, dass die sachkundige Entscheidung einer Jury nicht anerkannt werde, so Ruiss. "Da sitzen ja keine Idioten drinnen." Nach diesem Entscheid bestehe die Gefahr, dass sich Jurys in Zukunft nicht mehr trauen würden, "jemanden umstrittenen vorzuschlagen", dies führe automatisch zur Selbstzensur der Künstler. Schuld an diesen Vorgängen, die "vor einigen Jahren nicht passiert wären", sei das zunehmende Verschwinden der Individuen.

"Parteipolitik auf Kosten der Literatur"

Auch Marlene Streeruwitz nannte den Beschluss des Düsseldorfer Stadtrates "Parteipolitik auf Kosten der Literatur". Es sei "das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung", so die Autorin. Neben der "Provinzialisierung Düsseldorfs" befürchtet Streeruwitz auch ein "Preisträger-Design" für Politiker. "Im Grunde kennen wir das alles aus der DDR." Was rund um die Heine-Preisvergabe passiert, sei "nicht nur gegen Handke, sondern auch gegen die Jury".

"So beginnt der Weg zu Zensur und Unfreiheit." Streeruwitz nennt die Vorgänge "das Jelinek-Syndrom": Kaum hebe einer den Kopf, um etwas zu sagen, werde sofort hingeschlagen. Handke werde zum "Sündenbock der von Alois Mock und Hans-Dietrich Genscher hergestellten Lawine der Geschichte". In gewissen Hinsicht seien "wir alle schuld." Es sei "die Fortschreibung von Hass in der Vernichtung dieser einen Person, das Weiterschreiben des Konflikts."

"Problematische Entscheidung" dennoch zu respektieren

Peter Handke sollte nach Meinung des Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Imre Török, den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf bekommen. Im Deutschlandradio Kultur sagte Török am Dienstag, die Empfehlung der Jury müsse respektiert werden: "So problematisch diese Entscheidung jetzt vor uns steht, sie ist gefallen, und ich würde sie jetzt nicht mehr rückgängig machen."

Der Autor habe schon immer Grenzen überschritten. Beim Thema Milosevic könne er ihm aber nicht folgen. "Als Verbandsvorsitzender will ich aber noch immer eine zarte Lanze für Kunstfreiheit ergreifen, obwohl ich weiß, dass ich mich da als Advocatus Diaboli (Anwalt des Teufels) betätige."

---> Stellungnahmen von Jelinek und Menasse

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Der Aufsatz "Aus gegebenem Anlaß, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben" ist auf www.elfriede
jelinek.com
erschienen.
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Aus gegebenem Anlass

gibt jeder sein Wortspiel oder
manchmal eine schiefe Metapher ab.

Die einen dürfen schreiben, was sie wollen.
Die anderen dürfen lesen, wenn sie wollen.

Niemand vergibt sich etwas, wenn er einmal einen Preis nicht vergibt.

Handke wird es überleben,
auch wenn die Düssel ihm den Preis nicht geben.

dass sich Jurys in Zukunft nicht mehr trauen würden, "jemanden umstrittenen vorzuschlagen"

vorgschlagen wurde der handke doch nur aus dem einen grund - nämlich, WEIL er umstritten ist, WEIL er der punk unter den politisch korrekten ist, WEIL er in einem anfall von postpubertät den milosevic gar sooo toll findet, WEIL die jury es postpubertär toll findet findet, dass jemand endlich sich traut, dem politisch korekten mainstream den hund reinzuhaun, WEIL die jurymitglieder auch gerne wilde hunde wären, WEIL anscheinend dummheit immer noch mehr zählt als kunst, WEIL man aus unerklärlichen gründen einen langweiler wie handke zur großen literatur erklärt....
leider vergessen die meisten immer wieder, dass künstler nicht zwingend kluge menschen sein müssen, sehr oft ist das gegenteil der fall.

Nun, in der Ausgabe "Süddeutschen Zeitung" von Freitag ließt sich die Begründung des Vorschlages durch die Jury schon anders, Handke würde "ausdrücklich" für sein "...literarisches Werk im Sinne Heinrich Heines" geehrt:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/ar... 9/77122/7/

Der Jury ist zumindest bezüglich einer Bewertung der schriftstellerischen Leistung kein Vorwurf zu machen, unstrittig dürften die literarischen Qualitäten Handkes sein. Dass die Jury hierbei Handkes Aufwartung für das Regime Milosevic´ geflissentlich meint aussparen zu können - auch im Sinne Heinrich Heines? -, das ist es, was diese Entscheidung zu Gunsten Handkes so umstritten macht. Wie ich finde völlig zu recht!

Jelinek's Aufsatz ist genial: "Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt."

Ihre Quintessenz lautet: "Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt."

Sie schreibt kein Wort von der (Nicht-)Preisverleihung an Handke - und hat damit alles gesagt....

Ich möchte Jelineks wunderbare Weisheit noch um die Seite der Leserschaft ergänzen:

"Der LESER liest alles, indem er nicht alles liest, und gerade damit ist alles gelesen."

Danke Elfriede! Ich habe dieses Argument dringend gebraucht, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen, dass ich nicht alles von Handke/Jelinek/Hi... Geschriebene gelesen habe.

Lesen können:

Ich nahm gleich an, daß Sie darin und damit verwechseln.

Nö, keine Verwexlung, volle Absicht!

Damit Sie sehen, dass ich darin sehr gut bin, ein "darin" und ein "damit" auseinanderzuhalten und damit Sie darin keine Verwexlung zwischen damit und darin sehen, will ich damit sagen, dass Sie darin erkennen mögen, dass damit der Unterschied zwischen "darin" und "damit" darin liegt, dass ich mit sowohl damit als auch darin bestens auskenne.... Ein weiterer Unterschied: "Darin" hat "Daraus" als Gegenstück, während zu "damit" der Gegenpart "daohne" (nein, nicht Danone!) leider fehlt. Ich sage dass, damit Sie darin den Unterschied zwischen Danone und Joghurt klar darin sehen und damit auch schmecken können.

Wen meinen Sie DiletTantin mit H...?

"Danke Elfriede! Ich habe dieses Argument dringend gebraucht, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen, dass ich nicht alles von Handke/Jelinek/Hi... Geschriebene gelesen habe."

Susi, aus diesem Geplapper wird trotzdem nichts Geistreiches!

Zensur ?

Man kann den Rückzieher der Preisverleiher natürlich kritisieren, aber ein Herr Ruiss sollte gerade in seiner Funktion wissen was man üblicherweise unter Zensur versteht, wo und wann sie angewendet wurde oder wird!

Nichtvergabe eines Preises = Zensur???!?

Ich sehe es genau umgekehrt: Im vorliegenden Fall haben alle Beteiligten maximale Freiheiten - von Zwang und Zensur keine Spur:

* Handke kann schreiben, was er will.

* Jeder kann Handke lesen - oder auch nicht - wie er will.

* Jeder kann Handke interpretieren, wie er will.

* Die Jury kann jeden, den sie will, zum Heine-Preisträger erklären.

* Die Geldgeber können jeden, der ihnen nicht genehm ist, die Auszahlung des Preises verweigern.

* Das p.t. Publikum kann dieses Geschehen interpretieren, wie es will.

* Die Autoren haben sogar die Freiheit, das alles als Zensur zu deuten.

Allein die Tatsache, dass hier ungehindert lauthals von Zensur getönt werden kann, ist ein Beweis dafür, dass keine Zensur im herkömmlichen Sinn vorliegt.

Kommentar aus Restserbien

Die Entscheidung des Düsseldorfer Stadtrates betreffend der Verhinderung der Verleihung des H.Heine-Preises an Peter Handke ist wirklich "das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung".

"Gott gab uns nur einen Mund,
weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Maule schon
schwätzt zu viel der Erdensohn.
Wenn er doppelmäulig wär,
fräß und lög er auch noch mehr.
Hat er jetzt das Maul voll Brei,
muß er schweigen unterdessen,
hätt er aber Mäuler zwei,
löge er sogar beim Fressen. "

Mit besten Grüßen aus dem Rosental - Kärnten

Aufklärung

Wenn die Aufklärung zu Ende kommt, dann sage ich HEISSA! Endlich. Habe seit 1789 darauf gewartet.

Menuett tanzen, schöner Musik lauschen (nicht gräßlichem, ohrenbeleidigendem atonalem Lärm), wunderbar inszenierte Opern- und Theateraufführungen genießen (ja, ich meine KunstGENUß, nicht permanente Verarsche durch pseudointellektuelle Möchtegerns), herrliche, erbauende, hehre, wahrhaft große, erhabene, maW schöne Literatur lesen.....

Ja. Ja. Ja. Endlich wieder schön.

Leute, laßt es euch gesagt sein: Die Moderne in der Kunst stirbt. Und das ist gut so!

es war ja schon immer zu vermuten, dass sie ein zombie sind.

Wird schon nicht so schlimm sein!

Oder sind Sie so ein moralischer Zwerg und intellektuelles Zniachterl, daß Sie die Kunst brauchen, um sich irgendwie zu erbauen? Kunst ist eine Sphäre eigenen Rechts und Bedeutung und nicht die Genußoption historisch Zurückgebliebener, die sie irgendwo zwischen Pornographie und Küche (Adorno) einreihen wollen.
Lektüreempfehlung: Immanuel Kant, "Die Kritik der Urteilskraft" und reden Sie erst wieder was von der "Moderne in der Kunst", wenn Sie was davon verstehen!

wenn die sonne tief steht,

werfen auch Zwerge lange Schatten.

Sphäre

Und das Wort von der Sphäre eigenen Rechts mag ja nicht so schlecht sein. Doch kann dies nur für wahre Kunst gelten, nicht für Pseudokunst, maW: Müll.

So.

Ich verstehe die moderne Kunst insoferne weitaus zur Genüge, als sie mir nicht gefällt. Mehr brauche ich nicht. Ich setzte mich nicht in ein Konzert mit Schönberg, dessen Musik grausam ist und Kopfschmerzen erregt, nur weil sie irgendwelche "intellektuellen" Hintergründe haben mag. Ich besuche keine Oper, die durch moderne "Inszenierungen" verhunzt wird und keine durch Regietheater verunzierten Klassiker im Schauspiel. Einfach deswegen, weil ich mich ERBAUEN möchte. Weil ich mich nicht ärgern, sondern etwas SCHÖNES sehen und hören möchte. Doch wie gesagt - die Zeit heilt alle Wunden. Adorno ist übrigens auch so ein Vertreter dieser nun vergehenden, spröden, selbstgefälligen Zeit. Ich lesen lieber Heine, Hofmannsthal oder Eichendorff.

Ich lesen lieber Heine, Hofmannsthal oder Eichendorff.

No fein; jeder nach seiner Fasson. Ich hören halt genauso gern Schönberg, Boulez oder Lachenmann wie Bach, Beethoven oder Debussy. Ich halt nur nicht stolz sein auf meine Defizite.

de gustibus...

Manche sollen genauso genußvoll einen Kuhfladen verspeisen, wenn er nur als mousse au chocolat daherkommt...und darauf auch noch stolz sein.

... non est disputandum.

Trotzdem: Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.

Rätselhaft

Es bleibt ja immer noch nebulös, wieso jemand, dessen literarische Qualitäten eine Halbwertszeit von etwas mehr als vielleicht zwanzig Jahren haben, unbedingt einen so wichtigen und hochdotierten Preise bekommen soll. Wenn keiner den Handke'schen Unfug lesen will, dann bleibt sein Verlag darauf sitzen und es kann nicht Aufgabe der Juries sein, diese Leute dann via Preisgeld durchzufüttern. Das die schon immer am Rande der Bedeutungslosigkeit agierende Frau Löffler hier eine entscheidende Rolle spielt, wundert auch nicht. Gebt dem Handke doch den Nestroy-Preis für sein jahrelanges pro-serbisches Kasperltheater und sucht für den Heinepreis einen würdigen Kandidaten.

also die haltbarkeit seiner literatur wirst wohl

naturgemäß nicht du bestimmen, denn du hast, glaube ich ,von dieser ausdrucksform wenig ahnung, oder zumindest von peter handke; denn im grunde ist er seit 1966 erfolgreich, was immerhin schon 40 jahre sind; ich mache mir weder um die in österreich gehaßten autoren bernhard,jelinek,handke,bachmann,usw.. sorgen; wundere mich nur, wie im kronestaberlschüsselmorakhaiderulrichsbergland solche großartigen schriftsteller überhaupt überleben und schreiben konnten und können; danke

Warum sprechen Sie Ihrem Vorposter die Fähigkeit ab, Literatur zu bewerten?

bei soviele geballter dummheit...

...wäre ich sehr dankbar, wenn wir beim Sie bleiben könnten...man muss sich ja nicht mit jedem gemein machen, der schon seinen Namen halbwegs fehlerfrei schreiben kann. danke

Jetzt hast du es Ihm aber gezeigt!

Siezen ist nur für jemanden, der Respekt verdient angebracht, deine allzu dumpfe Meinungsäußerung spricht keieswegs dafür, dass du dir selbigen verdient hättest.
Peter Handke hat in seinem Schaffen, das erreicht, was Autoren die ein entsprechendes Publikum auch erreichen können, schaffen müßten - und es ist keineswegs der bequeme Weg gewesen. Handke hat eine andere Sicht der Dinge, wie sie von Berichterstattung, und Nachrichten(-zensur) vorgegeben wurden, erreicht. Und wenn es nur die Diskussion drüber war. Dass Europa eine gar unrühmliche Rolle in dem ganzen Yugoslawien - Fiasko eingenommen hat, scheinen einige heute noch nicht gern einzusehen.
lg
P.

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