Shohei Imamura 1927-2006

9. Juni 2006, 13:27
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Der japanische Meisterregisseur, ausgezeichnet mit zwei Goldenen Palmen in Cannes, starb an Krebs

Tokio - Prostituierte, Kleinganoven, Bauern, Serienmörder und Pornografen: Das Kino des japanischen Filmemachers Shohei Imamura ist von Menschen am Rande der Gesellschaft bevölkert. Mit geradezu anthropologischem Interesse rückt er ihnen in seinen schonungslosen existenziellen Untersuchungen zu Leibe.

The Ballad of Narayama (Narayama-Bushi Ko, 1983), für den er seine erste von zwei Goldenen Palmen in Cannes gewonnen hat (erneut 1997 mit Der Aal), erzählt, gänzlich unsentimental, vom Zyklus des Lebens in einem abgelegenen Dorf. Eine Frau von 70 Jahren muss sterben - so schreibt es das Gesetz vor -, damit die prekäre Ökonomie des Ortes aufrechterhalten werden kann. Leben und Tod, die menschliche Existenz ist mit der Natur in harschem Einklang. Imamura beklagt das nicht, sondern zeigt es auf.

Es verwundert, dass der 1926 in Tokio geborene Regisseur seine erste Erfahrungen bei Yasujiro Ozu sammelte, dessen geordneter, zurückhaltender Stil ihm in vieler Hinsicht entgegengesetzt ist. Mehr geprägt hat ihn Yuzo Kawashima, ein B-Movie-Maverick: Pigs and Battleships (Buta To Gunkan, 1961), sein erster breit rezipierter Film, ist eine grelle Satire um ein Paar, das die Zeit der US-Besatzung Japans mit Schweinezucht übersteht. Schweine und Menschen sind sich darin nicht unähnlich.

In den 60er-Jahren folgte Imamuras produktivste Phase; oft standen in seinen Filmen starke, widerborstige, gemeine Frauen im Mittelpunkt, die seiner Sicht des Menschen näher kamen: Als Benachteiligte drückt sich der Überlebenswillen in ihnen stärker aus. Imamura drehte auch Dokumentarfilme, historische Epen oder Thriller - wie Vengeance Is Mine (Fukushu Suru Wa Ware Ni Ari, 1979) -, in denen er sein Grundthema, das zivilisatorische gegen das triebhafte Prinzip des Menschen, weiterführte. Am Dienstag ist Shohei Imamura an den Folgen von Leberkrebs gestorben. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2006)

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