Frisches aus der Fußball-Forschung

9. Juni 2006, 12:48
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45 Grad war einmal, der flache Einwurf geht wei­ter - Größtes Problem für den Goalie beim Elfmeter: die eigene Reaktionszeit

Wien/London - Nicht 45 Grad, wie in Fußball-Lehrbüchern angegeben, sondern deutlich flacher sollten Spieler Einwürfe ausführen, empfehlen Forscher der University of Brunel (Großbritannien). 30 Grad sollten Spieler anpeilen, so die Sportwissenschafter. Profis machen es instinktiv meist ohnehin so und entgegen der Lehrmeinung, resümieren die Experten.

Die Studienautoren Nicholas Linthorne und David Everett analysierten dazu Videoaufnahmen, auf denen Testpersonen Einwürfe ausführten; streng nach Fußballvorschrift, also mit beiden Armen geworfen. Nach der Digitalisierung und mit Hilfe einer biomechanischen Software wurden dann neben der erzielten Weite auch die Wurfgeschwindigkeit und der Winkel exakt erfasst. Bei rund 30 Grad Abwurfwinkel - gemessen zur Horizontalen - erzielen die Werfer die größte Weite, war das eindeutige Ergebnis der Untersuchungen.

Wucht ist das Rezept

Die laut den Wissenschaftern in Lehrbüchern meist propagierten 45 Grad stammen aus der klassischen Mechanik, wonach Geschosse eine maximale Weite erzielen, wenn sie in diesem Winkel abgefeuert werden. Ist statt einer Treibladung Muskelarbeit im Spiel, sind die Verhältnisse aber offenbar anders. Die Forscher erklären dies damit, dass der menschliche Körper bei einem flacheren Abwurfwinkel offenbar mehr Kraft entwickeln kann und der Ball so mit mehr Wucht geworfen wird.

Geübte Profis haben bei ihren Einwürfen meist einen konstanten Wert, der den Ergebnissen der britischen Forscher sehr nahe kommt. Offenbar messen Trainer Lehrbuch-Weisheiten selten mit dem Winkelmesser nach, in diesem Fall zum Vorteil ihrer Schützlinge.

Vor dem Elfer ins Blaue

Weitere Erkenntnis: Aus Sicht des Physikers hat ein Tormann beim Elfmeter wenig Chancen, den Ball zu halten. Ein Hauptproblem ist dabei seine eigene Reaktionszeit. Allerdings bedienen sich versierte Goalies diverser Tricks und können so die Trefferquote der Schützen mit 70 bis 80 Prozent halbwegs im Zaum halten.

Der erste Kunstgriff vieler Torwarte ist es, vorzeitig eine Ecke für den Sprung auszuwählen. Er springt während der Schütze noch abdrückt gleichsam ins Blaue. Hat er die Ecke erraten, stehen die Chancen für ihn gut, das Leder noch vor der Linie zu erhaschen. Hat er die Ecke nicht erraten, ist sowieso alles egal, dann kann er nur noch zuschauen.

Wie sinnig dieses Ratespiel ist, rechnete der Physiker Werner Gruber vom Institut für Experimentalphysik der Universität Wien auf Anfrage der APA vor. Trifft der Goalie nämlich keine voreilige Entscheidung, hat er deutlich schlechtere Karten - vorausgesetzt der Schütze ist halbwegs auf Zack. Ein Hauptproblem für den Torhüter ist dabei die Reaktionszeit des eigenen Nervensystems. Was im täglichen Leben kaum auffällt, wird im Sport, verschärft im Spitzensport zu einem echten Faktor.

Es geht viel zu schnell

Laut Gruber schafft ein versierter Stürmer eine Ballgeschwindigkeit von 100 bis 120 km/h, das Leder ist bei so einem Prachtschuss 0,34 bis 0,4 Sekunden bis zur Torlinie unterwegs. Bei einer Reaktionszeit von 0,2 Sekunden - für einen Torwart ein realistischer Wert, der sich auch mit Training kaum verbessern lässt - bedeutet dies, dass der Goalie erst eine Chance zur Reaktion hat, wenn der Ball bereits im Fünfer-Bereich oder sogar weiter ist. Dementsprechend gering wären seine Chancen, noch irgend eine erfolgreiche Abwehrmaßnahme zu treffen.

Rechnerisch lässt sich das eindrucksvoll belegen. Grob gerechnet bleiben dem Torwart nach Ablauf der Reaktionszeit noch 0,2 Sekunden, um in die richtige Richtung abzuheben. Ein trainierter Sportler erreicht dabei eine Absprunggeschwindigkeit von rund vier Metern pro Sekunde, das bedeutet eine Strecke - bis der Ball die Linie passiert - von 0,8 Metern nach rechts oder links. Die Reichweite der Arme eingerechnet, kann der Tormann damit einen Abfang-Radius von rund 1,8 Metern erreichen.

Das bedeutet, dass selbst für einen Weltklassetormann ein Bereich von wenigstens einem Meter Entfernung von der Stange bleibt, die er aus physikalischen Gründen nicht erreichen kann, wenn er darauf wartet, bis er die richtige Ecke wahrnimmt. Mit der Taktik, früher - auf gut Glück oder seinem Instinkt folgend - zu springen, kann er seine Chancen somit steigern.

40 Prozent Zufall

Was wir schon immer wußten, belegen jetzt Augsburger Sportwissenschafter: 40 Prozent aller Tore entstehen mehr oder weniger durch Zufall. Sie haben dazu 600 Tore der deutschen Bundesliga analysiert, als Zufallstreffer werteten die Forscher, wenn etwa Abpraller oder abgefälschte Schüsse im Spiel waren.(APA)

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    30 Grad, bitte!

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