Liebscher sieht Preisstabilität bedroht

20. Juni 2006, 16:19
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OeNB-Gouverneur Liebscher rechnet mit weiteren Zinserhöhungen und sieht bei einem Anziehen der Konjunktur das Inflationsrisiko erhöht

Wien - Die Risiken für die Preisstabilität in der Eurozone sind nach den Worten von EZB-Ratsmitglied Klaus Liebscher von mehreren Seiten aufwärts gerichtet. Dies erfordere hohe Wachsamkeit durch die Europäische Zentralbank (EZB), sagte der Gouverneur der Oesterreichischen Notenbank (OeNB) am Dienstag in Wien.

Um 11.15 Uhr beginnt in Wien die Jahrespressekonferenz der OeNB nach der Generalversammlung. Dort werden von Liebscher weitere Konjunkturaussagen erwartet.

Hoher Ölpreis, teure Energie

"Wir haben ein breiteres Spektrum an Risikopotenzial für die Preisstabilität", sagte Liebscher weiter. An erster Stelle stehe das anhaltend hohe Niveau der Ölpreise. "Dessen Gefährdungspotenzial ist für die Preisstabilität höher als für das Wirtschaftswachstum". Der hohe Ölpreis schlage stärker und schneller auf die Lebenshaltungskosten durch als auf die Konjunkturerholung.

Die teure Energie hat Liebscher zufolge inzwischen auch in anderen Bereichen Preissteigerungen ausgelöst. Ersichtlich werde dies an der deutlich höheren Kerninflation, die Kosten für Energie nicht berücksichtigt. "Das Niveau bewegt sich langsam aber sicher nach oben." Teile der Wirtschaft reagierten auf gestiegene Energiekosten mit Preisanhebungen. Das spiegele sich auch im starken Anstieg der Produzentenpreise wider.

Eine Lohn-Preis-Spirale sei zwar bisher nicht in Gang gesetzt worden. "Hohe Wachsamkeit ist aber erforderlich."

Erhöhtes Inflationsrisiko

Risiken sieht Liebscher zudem in der üppigen Ausstattung der Wirtschaft mit Geld, die bei einem Anziehen der Konjunktur das Inflationsrisiko erhöht. Das kräftige Wachstum der Kredite für Unternehmen, Konsumenten und zur Immobilienfinanzierung gebe ebenfalls Anlass zur Sorge. "Über längere Sicht droht hier eine Gefahr für die Preisstabilität", sagte er.

Zudem werde die durchschnittliche Inflationsrate auch 2007 im Jahresdurchschnitt über der Marke von zwei Prozent verharren, bis zu der die EZB Preisstabilität gewährleistet sieht. Dazu trage die geplante Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland von 16 auf 19 Prozent bei, sagte Liebscher.

Wegen der zahlreichen Inflationsrisiken schließt Liebscher weitere Zinserhöhungen nicht aus. Auf die Frage, ob die EZB angesichts dieser Risiken die Leitzinsen weiter anheben werde, sagte er: "Davon gehe ich aus."

Starker Euro

Zeitpunkt und Ausmaß der zu erwartenden Zinserhöhung ließ der OeNB-Gouverneur offen. "Wir werden das tun, was wir als notwendig erachten." Zum Einfluss des starken Euro auf die Geldpolitik der EZB sagte das Ratsmitglied: "Der Wechselkurs insbesondere zum Dollar spielt eine wesentliche Rolle in unseren Überlegungen und Beurteilungen - aber er ist nur ein Faktor von vielen, der berücksichtigt werden muss."

Die Finanzmärkte rechnen bei der EZB-Ratssitzung am 8. Juni mit einer erneuten Anhebung um 0,25 Prozentpunkte auf dann 2,75 Prozent. Spekuliert wird aber auch über einen größeren Schritt um 0,50 Prozentpunkte. Experten zufolge spricht ein starker Euro eher für einen kleinen Zinsschritt, da er die Einfuhren verbilligt und so die Inflation dämpfen kann.

Die Geldpolitik der EZB nannte Liebscher trotz der beiden Zinserhöhungen im Dezember und im März "noch immer sehr wachstumsstimulierend". Die Konjunkturerholung im Euroraum sei inzwischen breiter abgesichert als noch vor einigen Monaten. Das nach wie vor günstige weltwirtschaftliche Umfeld lasse ein deutliches Exportwachstum erwarten. "Auch die Investitionen scheinen in Schwung gekommen zu sein", sagte Liebscher. Der private Konsum entwickele sich ebenfalls positiv. (APA/dpa-AFX)

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