Erneut schwere Unruhen in Pariser Vorstädten

7. Juni 2006, 16:34
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Haus von Bürgermeister von Hunderten mit Baseballschlägern bewaffneten Jugendlichen angegriffen - Polizei setzt Gummigeschoße ein

Montfermeil/Clichy-sous-Bois - In der Region Paris gärt es weiter. In Clichy-sous-Bois im Département Seine-Saint-Denis wurden am Dienstagabend drei Autos, darunter ein Polizeifahrzeug, in Brand gesteckt. Im benachbarten Montfermeil wurde zudem eine Polizeipatrouille mit Steinen beworfen. In beiden Städten gab es jeweils eine Festnahme.

Kurz vor Mitternacht sahen Augenzeugen wie vier Polizisten einem brennendem Polizeifahrzeug entstiegen waren. Ein mit einem Suchscheinwerfer ausgestatteter Hubschrauber überflog die beiden Pariser Vorstädte.

Schwerste Unruhen seit Monaten

Die schwersten Vorstadt-Krawalle seit Monaten haben in Frankreich Furcht vor einem Wiederaufflammen der Unruhen aus dem vergangenen Herbst geweckt. Hundert vermummte und teils mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche zogen am späten Montagabend in Montfermeil im Nordosten der Hauptstadt zum Wohnhaus des Bürgermeisters und bewarfen es mit Steinen. Später kam es auch zu Straßenschlachten im angrenzenden Clichy-sous-Bois. Dort hatten die Krawalle im vergangenen Herbst nach dem Tod zweier Jugendlicher in einem Stromtransformator begonnen. Sieben Polizisten wurden in der Nacht auf Dienstag verletzt.

In der 24.000-Einwohner-Stadt Montfermeil im Département Seine-Saint-Denis wurde auch das Rathaus durch Molotow-Cocktails beschädigt, ein nahe gelegenes Gebäude wurde teilweise in Brand gesetzt. Die Polizei setzte mehr als 70 Mal Gummigeschoße ein, um die Jugendlichen zurückzudrängen. Erst gegen 2.30 Uhr kehrte wieder Ruhe ein. Drei Menschen wurden festgenommen. Die Straßen von Montfermeil waren am Dienstag in der Früh mit Steinen und Splittern zerborstener Auto- und Fensterscheiben übersät. Teilweise stieg noch Rauch aus in Brand gesetzten Abfallhaufen auf.

Grüne warnen

"Durch den kleinsten Funken kann das Feuer wieder aufflammen", warnte der grüne Spitzenpolitiker Noël Mamère mit Blick auf die wochenlangen Krawalle im Herbst. Die bürgerliche Regierung habe sich damals damit begnügt, "den Kessel abzudecken", darunter koche es jedoch weiter. Seine-Saint-Denis war Ende Oktober Ausgangspunkt der Unruhen gewesen, die dann auf die durch hohe Jugendarbeitslosigkeit und einen starken Einwanderanteil geprägten Vorstädte im ganzen Land übergriffen. Rund 10.000 Autos wurden bei den dreiwöchigen Krawallen in Brand gesetzt, 300 öffentliche und private Gebäude zerstört. Die Regierung verhängte erstmals seit Jahrzehnten den Ausnahmezustand.

"Einschüchterungsversuche"

Der zur Regierungspartei UMP gehörende Bürgermeister von Montfermeil, Xavier Lemoine, verurteilte die Ausschreitungen als "Einschüchterungsversuche". Er hatte Anfang April wegen eines Anstiegs der Kriminalitätsrate Treffen von mehr als drei Jugendlichen im Stadtzentrum untersagt. Das Haus des Stadtoberhauptes war daraufhin bereits Ende April Ziel von Angriffen gewesen; zwei seiner Töchter waren von einer Jugendgruppe angepöbelt und zu Boden geworfen worden. Er und seine Familie stehen seitdem unter Polizeischutz. Seine umstrittene Verordnung war Anfang Mai von einem Gericht ausgesetzt worden. Sozialistenchef François Hollande sagte am Dienstag, der Bürgermeister habe mit seinem Erlass Jugendliche "stigmatisiert" und ein Umfeld geschaffen, das Gewalt fördere.

Mitarbeiter des Bürgermeisters sagten dagegen, die Unruhen hätten nichts mit dem Erlass zu tun. "Die Gewalttätigkeiten folgten auf die Festnahme eines Jugendlichen, der verdächtigt wird, Haupttäter bei einem Angriff auf einen Busfahrer gewesen zu sein", hieß es aus dem Rathaus. Der Bürgermeister sei bei dem Vorfall vor rund zwei Wochen Zeuge gewesen. Seine Aussage habe die Identifizierung des Verdächtigen ermöglicht. Laut Polizei hatte die Festnahme eines anderen Jugendlichen wegen eines Diebstahls am Montag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem Sozialwohnungsviertel in Montfermeil geführt. Dies könne zu dem Ausbruch beigetragen haben.

Herbst-Krawalle

Vergangenen Herbst hatten drei Wochen lang vornehmlich jugendliche Randalierer die verarmten Pariser Vorstädte und andere Orte im ganzen Land in Angst und Schrecken gesetzt. Es waren die schwersten Krawalle in Frankreich seit fast 40 Jahren. Die meisten Jugendlichen waren afrikanischer oder arabischer Herkunft, die über Diskriminierung, hohe Arbeitslosigkeit und mangelnde Perspektiven klagten. (APA/Reuters)

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