Pressestimmen: "Der Papst ist kein Historiker"

7. Juni 2006, 16:35
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Kommentare aus Deutschen Medien zum Polen-Besuch des Kirchenoberhauptes

Frankfurt/Berlin - Mit der Rede des Papstes im früheren Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befassen sich auch am Dienstag deutsche Pressekommentatoren:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Das war eine Lektion von der Macht der schieren Präsenz, wie sie in der Geschichte ohne Parallele ist. Als der deutsche Papst in Auschwitz ankam, fielen alle Schlussstrichdebatten, in welchem Gewand sie auch immer fortgesetzt werden, in sich zusammen. Es hätte gar keiner weiteren Worte bedurft, die schiere Gegenwart Benedikts 'an diesem Ort des Grauens' weist allen Normalisierungsehrgeiz schlagartig zurück. Ein Ehrgeiz, der sich ausgerechnet auch an dem Faktum festmachen möchte, dass ein Deutscher Papst geworden ist. Jetzt ist dieser Deutsche nach Auschwitz gegangen und hat durch diesen Gang wie kein zweiter klargemacht: 'Das Vergangene ist nie bloß vergangen. Es geht uns an.' Gleich aus dem ersten Satz, noch bevor der Satzbogen zum Prädikat kommen konnte, mochte man das päpstliche Votum im Historikerstreit heraushören: Auschwitz ist 'ohne Parallele in der Geschichte'".

"die tageszeitung" (taz) (Berlin):

"Was muss ein Papst, der Auschwitz besucht, sagen? Was kann ein deutscher Papst in Auschwitz sagen? Vielleicht ist dies ein Unterfangen, das scheitern muss, weil es keine 'richtige' Rede geben kann - noch immer nicht, auch nicht nach mehr als sechzig Jahren. Die Rede, die Benedikt XVI. gehalten hat, bedarf daher einer kritischen Lektüre - aber einer ohne intellektuellen Hochmut. Auch für Atheisten ist Auschwitz Synonym für etwas Unfassbares, das sich dem rationalen Verständnis nicht zur Gänze erschließt. (...) Benedikt ist in Auschwitz mit einer Rhetorik der Bescheidenheit aufgetreten. Er hat bemerkt, dass an diesem Ort vielleicht 'bestürztes Schweigen' die einzig angemessene Haltung ist.

Er hat die ratlose Frage gestellt, wo Gott in Auschwitz war. Das ist das Beste, was sich über diese Rede sagen lässt. Denn die Deutschen sind im Weltbild von Joseph Ratzinger ein Volk, über das 'eine Schar von Verbrechern' auf wundersame Weise Macht gewann. So war es nicht. Millionen Deutsche, wenn auch nie deren Mehrheit, verhalfen den Nazis zur Macht, Millionen waren lange loyale Volksgenossen. In Benedikts Andeutung erscheinen sie wie in den 50er-Jahren eher als Opfer einer verbrecherischen Verschwörung, aber nicht als Mitläufer und Mittäter. Nein, der Papst ist kein Historiker.

Er muss nicht den Stand der Forschung referieren. Aber er muss den ideologischen Kontext seiner Argumente kennen. Und genau sein. So unscharf wie Ratzinger sollte man nicht über Auschwitz reden. Kein Papst, erst recht kein deutscher." (APA/dpa)

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