Das 3. Jahrtausend

7. Juni 2000, 16:20

Visionen von Stephanie Puck

Kapitel 2

Die beiden Jungen hatten sich nun endlich erhoben und standen jetzt stolz vor Roland. Beide hatten sie Haar so blond wie Stroh und ihre Gestalt war regelrecht abgemagert, als ob sie seit Tagen nichts zu Essen bekommen hätten.
"Wo wird sie gefangen gehalten?" wollte Roland wissen. "Weit von hier! Hinter der steinernen Wüste, durch die wir wohl erst gar nicht kommen werden, da dort schon seit Monaten die Schlacht von Geritesa ausgefochten wird. Auf beiden Seiten gibt es Tausende Tote zu beklagen und trotzdem nimmt das Blutvergießen kein Ende," schilderte der ältere ihre Lage.

"Wie nennt man euch beide?" suchte Roland zu erfahren. "Eliason und Jawil," antwortete einer der beiden. "Am besten suchen wir in dem eisernen Kasten nach Waffen oder ähnlichem. Ich konnte leider nicht hinein spähen, als ihn das Mädchen geöffnet hat," erklärte Roland mit fester Stimme und ging mit schnellen Schritten zielstrebig voran. Die beiden Prinzen folgten ihm. Doch dort wo sich der Raum eigentlich befinden hätte müssen, befand sich eine mächtige Wand. Eliason war an Roland herangetreten, fasste ihn an der Schulter und rief: "Dieses Gewölbe ist versiegelt seit dem Verschwinden unserer Schwester, und in diesem Zustand wird es verbleiben, bis sie zurück kommt und den Thron der Rebellen wieder besteigt. So bestimmt es die Prophezeiung der Ahnen, die sich in allen Punkten bestätigt hat - einschließlich dir."

"Was sagt die Prophezeiung weiter?" fragte Roland mit seiner ungeduldigen Art. Jawil vergrub seine Hände in der Tasche seines Mantels und zog eine Kugel aus Kristall hervor, die kunstvoll mit Gold und Edelsteinen verziert war. Der Bursche streckte Roland die Kugel hin und meinte, dass er tief in das Innere des Gegenstandes blicken sollte, der dann sofort sein Geheimnis preisgeben würde. Roland tat wie ihm geheißen wurde, und tatsächlich erschien ihm ein Bild. In den Gedanken des Burschens tauchten immer wieder einige Sätze auf, die sich zu einer Botschaft zusammensetzten die schlussendlich lautete:

„Einer wird kommen. Er wird reinen Herzens sein und vertrauenswürdig. Es soll ein Knabe von 16 Jahren sein, der aus der Vergangenheit zu euch stoßen wird. Seiner Kraft wird er sich nicht bewusst sein. Doch die Bestimmung und Bürde, die diesem Knaben auferlegt sind, soll er mit Würde tragen. Die Macht des Ritters der Zeiten wird sich dann entfalten, wenn er die Rebellenkönigin befreit, die drei Kristallzepter der Zeiten in seinem Herzen trägt und den Segen ihrer Majestät der Königin bekommt. Nur mit Verstand, nicht mit Muskelkraft wird er die Aufgaben und Rätsel bestehen können, welche ihm in den Weg gelegt werden. So soll meine Prophezeiung lauten und nicht anders."

Fragend blickte er zu den beiden Prinzen hin. "Woher hast du diese Kugel?" wollte er von Jawil wissen. "Solche Kristalle gab es früher zu Hauff. Man verzeichnete in ihnen die gesamte Weltgeschichte, die ja nun schon dreitausend Jahre umfasst. Religion, Legenden, einfach alles was in irgendeiner Art von Bedeutung war. Durch die Konzentration auf den Mittelpunkt werden Wellen freigesetzt, die sich in Gehirn zu Botschaften zusammensetzen. Diese Art der Aufzeichnung wurde so lange praktiziert, bis die großen Kriegsherren anfingen damit zu experimentieren, um sie für den Krieg zu nutzen. Die Wellen wurden manipuliert und in gefährliche Impulse umgeändert. Auf diese Art starben Tausende Menschen einen grauenvollen Tod. Seit diese Experimente alles verändert haben, sind die Kristalle verboten," erzählte Eliason mit tiefem Bedauern, und Jawil nahm den kunstvollen Gegenstand wieder in Empfang, denn dies war wohl sein kostbarster Schatz.

"Das heißt wohl, dass die Menschheit auch in Zukunft noch immer so dumm sein wird, wie sie in meiner Zeit war und Krieg gegen sich selbst führt? Was für einen Grund kann ein Mensch dafür nur haben, welchen Hass muss er wohl tief in seinem Herzen tragen, wenn er die Hand oder das Schwert gegen seinen Mitmenschen erhebt? Wer sind wir, dass wir über unsere Mitmenschen richten? Ist die Welt nicht da, damit wir alle leben?" rief Roland aus und blickte auf die beiden Prinzen - eine Antwort erwartend. Doch die Kinder sahen sich nur verdutzt an. Die beiden waren mit dem Krieg aufgewachsen. Mit sieben Jahren hatte ihre Kampfausbildung begonnen. Für die Jugend dieser Zeit war es eine selbstverständliche Sache für ihren Glauben zu sterben.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Roland noch Hoffnung tief in seinem Herzen getragen, die jedoch bei so viel Gewalttätigkeit immer mehr in Verzweiflung umschlug. Er gehörte nicht in diese Zeit, es war nicht seine Welt, doch von hier konnte er nicht entfliehen. Auch aufgeben, bevor das Abenteuer angefangen hatte, konnte Roland nicht - denn die Königin brauchte seine Hilfe, und davor konnte er nicht fort laufen. Nein, auch wenn er früher ängstlich gewesen war, nun konnte er nicht anders. Roland würde seine Bestimmung erfüllen – und wenn er sein Leben dafür geben müsste.

"Erzählt mir von dieser Welt!" forderte Roland die beiden auf. "Die großen Kriegsherren herrschen und missbrauchen dabei ihre Macht. Um an der Spitze zu bleiben, ist ihnen jedes Mittel recht. Es gibt jedoch eine Gruppe, die seit Jahren auf ihre Chance wartet, um das Regime zu stürzen.

Das Jahr 3010 ist von Zerstörung und Skrupellosigkeit geprägt. Die Menschen haben Angst und fügen sich daher dem Willen der Mächtigsten. Die Demokratie wurde an jenem Tag begraben, als die Menschheit aufhörte, nach Gründen für die Veränderung zu suchen und willenlos mit ansah wie die Macht der Generäle wuchs. Die Aufrüstungsindustrie erlebte einen großen Aufschwung. Doch die Forschung auf den wirklich wichtigen Gebieten wie Medizin, Astrologie, Physik und Chemie wurden beinahe zur Gänze eingestellt. Tausende unausgebildeter Kinder schickten sie in aussichtslose Schlachten. Für die Jugendlichen schien es eine Ehre zu sein - und die Aussicht geehrt zu werden, als Kriegsheld hoch erhobenen Hauptes vom Schlachtfeld heimzukehren, war den jungen Burschen durchaus nicht unsympathisch. Es kehrte jedoch nur ein Bruchteil jener wieder zurück, von denen die fortgeschickt wurden," antwortete ihm Jawil, nachdem er einen Augenblick lang gezögert hatte. "Wir Rebellen sind gegen das Blutvergießen und suchen nach einem besseren Weg. In dieser Zeit hat ein Mensch ohne einen hohen Titel keinerlei Rechte," fügte Eliason hinzu.

"Aber was ist mit den Menschenrechten? Habt ihr denn keine Verfassung?" fragte Roland und ein Ausdruck von Ungläubigkeit zeichnete sich in seinen Zügen ab. "Was ist eine Verfassung?" wollte Jawil erfahren. "Nicht so wichtig!" gab Roland zur Antwort. "Wir müssen deine Schwester finden. Gibt es noch andere Krieger hier?" sprach er weiter. "Die Rebellenkrieger sind an der Oberwelt auf dem Schlachtfeld. Hier in den unterirdischen Tunneln sind nur noch wir beide als Wächter," erklärte Eliason mit bedauernder Mine. "Besitzt ihr Waffen?" suchte Roland weiters zu erfahren. Jawil reichte ihm den Stab, welchen er zuvor auf Roland gerichtet hatte und brachte ihm den Gebrauch bei. Roland jedoch dachte bei sich: „Ich will kein Mörder sein! Es muss einen anderen Weg geben, das Unrecht zu vertreiben." Mit aller Kraft, welche ihm inne war, schleuderte er die Waffe gegen die Felswand und sie zerbarst in Hunderte Stücke.

Die beiden Prinzen blickten ihm mit Entsetzen in die Wut erfüllten Augen. „Es gibt immer eine bessere Lösung als Gewalt!" rief er mit fester Stimme.

Roland drehte sich auf dem Absatz herum und ging die Gänge entlang, um einen Ausgang zu suchen. Immer schneller wurden seine Schritte, bis er so schnell rannte wie es sein Körper zuließ. Jawil und Eliason folgten ihm. Verzweiflung stieg in ihm hoch. Was sollten er und die zwei Prinzen schon ausrichten gegen die Truppen eines großen Kriegsherren? Roland blieb ruckartig stehen. Der Junge musste alles los werden: Hass, Verzweiflung, Wut, einfach alles. Er ballte die Hand und schlug mit aller Kraft gegen den Felsen. Einmal und ein zweites Mal, immer wieder - bis seine Hände vollkommen blutig waren.

Jawil legte ihm beschwichtigend seine abgemagerte sehnige Hand auf die Schulter, um Roland Einhalt zu gebieten. Jedoch schien es Roland nicht zu kümmern und er schüttelte die Hand gleichgültig ab. Das Gesicht zur Wand gekehrt, stand er nun einfach nur da. In seinen blauen Augen funkelten Tränen, jedoch nicht wegen der Wunden - nein; es waren Tränen der Erleichterung.

Eliason führte Roland nun durch einige Säle und Gänge. "Womit bewegt ihr euch denn fort?" fragte Roland nachdenklich. "Mit Fluggleitern. Das sind Maschinen mit stromlinienförmigem Aufbau. Sie halten sich mit Luftströmungen über dem Boden. Doch das Risiko falls man entdeckt wird ist groß, denn dem Beschuss der Laserwaffen halten sie nicht lange stand," warf Jawil ein.

Roland überlegte fieberhaft wie er in die Nähe der Königin gelangen konnte, und immer wieder kam ihm ein Satz aus der Prophezeiung in den Sinn: Nur mit Verstand, nicht mit Muskelkraft wird er die Rätsel und Aufgaben lösen können, die ihm in den Weg gelegt werden. Da kam ihm plötzlich der Gedanke an eine List. Er teilte die Idee sofort den beiden anderen mit, und sowohl Eliason als auch Jawil waren damit einverstanden, sich später als Gefangene von Roland auszugeben, um ins feindliche Lager zu gelangen.

Endlich am Ende der Gänge angekommen, erreichten sie eine Treppe, die nach oben führte.
An der Oberfläche dämmerte der Morgen und in der Ferne lauschten die drei Burschen dem Donnern der Geschütze. Das Land war unfruchtbar und zerstört. Tiefe Abgründe und Schluchten zogen sich durch die Ebenen. Stundenlang marschierten Roland, Jawil und Eliason durch die Ebene. Am Tag brannte die Sonne vernichtend herab, in der Nacht jedoch froren sie erbärmlich. Inzwischen hatten die beiden Prinzen Roland erklärt, dass Lebensmittel, wie er sie kannte, nicht mehr existierten.

Die Nahrung der Menschen dieser Zeit bestand aus Tabletten, welche das Hungergefühl unterdrückten und den Körper mit allen lebensnotwendige Stoffen versorgten. Doch auch der Vorrat an Tabletten schwand zusehends und der Wassermangel ihrer Körper machte sich auch durch Schwächeanfälle bemerkbar. Roland jedoch dachte nicht daran aufzugeben, da es wohl ihren sicheren Tod bedeutet hätte. Weiter und weiter trieb er seine Freunde dem Süden zu.

Die Erschöpfung schlich in seine Glieder. Roland sank langsam zu Boden. Sein Atem ging schnell und keuchend. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen. Alle seine Gedanken drehten sich um den Tod.

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