Aktienreise mit Europa-Pass

26. Juni 2006, 15:06
posten

Zumtobel-Börsengang profitierte von der EU-Prospektrichtlinie

Als die Aktien des Vorarlberger Leuchtenherstellers Zumtobel AG am 12. Mai erstmals an der Wiener Börse gehandelt wurden, beobachteten auch zahlreiche Mitarbeiter in Deutschland, England, Frankreich und Schweden die Kursentwicklung. Sie hatten ebenfalls Zumtobel-Aktien gezeichnet. Möglich war dies durch den Europäischen Pass, ein Kernstück des neuen, durch die EU-Prospektrichtlinie geschaffenen Prospektrechts, das erstmals in Österreich zur Anwendung kam.

Unternehmen, die einen Börsengang oder andere Kapitalmaßnahmen planen, möchten oft Mitarbeiter im In- und Ausland in ihr Mitarbeiterangebot einbeziehen. Eine entsprechend hohe Mitarbeiterzahl in einem Land vorausgesetzt - Zumtobel etwa beschäftigt EU-weit rund 5000 Mitarbeiter -, kann ein Mitarbeiterangebot ein "öffentliches Angebot" im Sinne der Prospektrichtlinie in diesem Land auslösen. Dies erfordert grundsätzlich, dass der Emittent vor Beginn des Angebots dort einen Prospekt veröffentlicht, der von der zuständigen Behörde des EU-Landes gebilligt werden muss.

Der Europäische Pass eröffnet die Möglichkeit, beim Angebot von Wertpapieren in mehreren Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) einen einzigen Prospekt zu verwenden. Er ersetzt das bisherige System der gegenseitigen Anerkennung durch ein einfaches Notifizierungsverfahren, ohne dass in allen Staaten ein den nationalen Anforderungen entsprechender Prospekt in der Landessprache erstellt und gebilligt werden muss.

Dadurch können Emittenten unter erleichterten Bedingungen grenzüberschreitend an allen EWR-Märkten Kapital aufnehmen - und damit auch Mitarbeiter vor Ort in einen Börsengang einbeziehen.

Voraussetzung für die grenzüberschreitende Geltung eines Prospektes ist lediglich, dass die zuständige Behörde des Herkunftsstaats - im Fall von Zumtobel die Finanzmarktaufsicht (FMA) - die Behörde des Aufnahmestaates über die Billigung des Prospekts unterrichtet. Die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die englische Financial Services Authority, die französische Autorité des Marchés Financiers und die schwedische Finansinspektionen haben den Zumtobel-Prospekt weder geprüft noch gebilligt.

Kleine Übersetzungen

Grundsätzlich ist ein von der FMA zu billigender Prospekt in deutscher, englischer oder in einer von der FMA durch Verordnung anerkannten Sprache zu erstellen. Wenn nötig, ist dem Antrag auf Notifizierung des Prospekts auch eine Übersetzung der Prospektzusammenfassung in die Amtssprache des Aufnahmestaates beizufügen. Im Fall von Zumtobel erforderten die nationalen Gesetze eine Übersetzung der englischsprachigen Zusammenfassung ins Deutsche, Französische und Schwedische. Die Übersetzungen werden von der FMA nicht geprüft und gebilligt; sie werden lediglich mit dem gebilligten Prospekt und der Bescheinigung über die Billigung an die Aufnahmestaatsbehörde weiterleitet.

Angesichts dieser erleichterten Rahmenbedingungen ist zu erwarten, dass künftig auch andere österreichische Emittenten verstärkt den öffentlichen Anlegermarkt im EU-Ausland - für Mitarbeiter und für Privatanleger generell - erschließen werden. (Stephan Hutter, Marc Plepelits, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2006)

Zu den Personen

Dr. Stephan Hutter ist Managing Partner und Marc Plepelits Senior Associate im Frankfurter Büro der inter- nationalen Anwaltskanzlei Shearman & Sterling LLP, die die Zumtobel AG federführend bei ihrem Börsengang beriet
Share if you care.