Der Arbeiter als Unternehmer

1. März 2007, 15:34
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Gewinnabhängige Lohnmodelle sind kein Allheilmittel - aber sie gehören ausprobiert

Von Hannes Androsch sind die Genossen unorthodoxe Vorschläge gewohnt, doch was der ehemalige Finanzminister vor Kurzem von sich gab, war selbst für sie starker Tobak: Er forderte ein Ende der "produktivitätsorientierten" Lohnpolitik, bei der die Produktivitätsgewinne jeder Branche in Kollektivvertragsverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt werden. Stattdessen, so Androsch, sollten die Grundgehälter nur noch um die Inflationsrate (ohne Energiekosten) steigen; jeder Betrieb könne dann Gewinnbeteiligungen aushandeln.

Hier sprach der Industrielle Androsch, der ebenso wie viele Kollegen - etwa Palfinger-Chef Wolfgang Anzengruber im STANDARD vom Montag - nach neuen Lohnmodellen sucht. Wie zu erwarten, lehnt die Gewerkschaft diese Vorstöße vehement ab. Aus ihrer Sicht versuchen hier einige Konzernchefs bloß, die Bawag-Krise des ÖGB zum Aushebeln einer Säule der Sozialpartnerschaft zu nutzen und damit das gesamte Lohnniveau zu drücken.

Doch die Zukunft kollektiver Lohnverhandlungen steht schon länger zur Debatte. In den meisten Ländern ist das Ritual alljährlicher Branchenlohnverhandlungen unbekannt, dort steht es grundsätzlich jedem Betrieb frei, mit seinen Mitarbeitern Gehälter auszuverhandlen. Vor der Ausbeutung schützt bloß der gesetzliche Mindestlohn.

Auch in Deutschland drängt die CDU auf eine Aufweichung der Flächentarifverträge - und wird dabei nur von der SPD zurückgehalten. Und in Österreich haben die Öffnungsklauseln früherer KV-Runden bereits eine Differenzierung ermöglicht, die allerdings wenig genutzt wird.

In dieser Debatte geht es weniger ums Geld - in Ländern ohne KV-Modelle sind Durchschnittsgehälter nicht niedriger als bei uns -, sondern um prinzipielle Fragen: Ist es richtig, einer ganzen Branche die gleichen Lohnstückkosten zu verordnen - und Arbeitnehmern, die ungefähr die gleiche Arbeit leisten, das gleiche Einkommen? Oder sollen Arbeiter etwas vom Unternehmerrisiko übernehmen und ihre Einkünfte vom wirtschaftlichen Erfolg des Arbeitgebers abhängig machen?

Nun ist es einer der Vorzüge des Arbeitnehmerlebens, dass man den Gehaltszettel vom nächsten Monat kennt. Der Verlust der Sicherheit müsste durch andere Vorteile aufgewogen werden - etwa eine reale Chance auf mehr Geld oder eine geringere Sorge um den Arbeitsplatz, weil Betriebe mit flexiblen Löhnen Krisen leichter durchstehen können.

Es gehört zu den Stärken der österreichischen Wirtschaft, dass in Krisenzeiten Lohnkürzungen leicht ausgehandelt werden können. Die von der Wirtschaft forcierten Modelle sollen diese Flexibilität bereits ermöglichen, bevor der Pleitegeier über dem Betrieb kreist. Dazu kommt, was Androsch die "Investitionspeitsche" nennt: Wenn sich Produktivitätsgewinne in höheren Löhnen niederschlagen, dann fühlen sich Unternehmer gezwungen, immer weiter zu rationalisieren.

Die größte Schwäche dieser Vorschläge liegt darin, dass sie nur dann funktionieren, wenn ein gewisses Maß an Vertrauen zwischen Arbeitgebern und -nehmern herrscht. Denn der Unternehmensgewinn ist eine leicht zu manipulierende Größe - gegenüber dem Finanzamt genauso wie den eigenen Angestellten.

In Ländern mit flexiblen Arbeitsmärkten wird der Unternehmer zur Ehrlichkeit gezwungen, weil er sonst seine guten Leute verliert. Aber in einem starren Umfeld mit wenig Jobalternativen würde der offiziell ausgewiesene Gewinn als Messlatte für Lohnerhöhungen bloß für neuen Konfliktstoff sorgen.

Zum Glück ist der Arbeitsmarkt in Österreich nicht allzu starr - zumindest in einigen Branchen. Dort könnte man damit beginnen, mit Alternativen zum KV zu experimentieren und die Folgen genau zu studieren. Schön wäre es, wenn die Initiative dafür einmal nicht von der Industrie, sondern von der Gewerkschaft selbst käme. Das wäre ein Zeichen, dass die neue ÖGB-Führung tatsächlich für neue Ideen aufgeschlossen ist. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2006)

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