Hörsturz beim Seniorenabend

4. Juni 2006, 17:08
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Die legendären Dinosaur Jr. gastierten in Originalbesetzung in der Wiener Arena und rockten dort die Rentnerjugend der Generation X

Wien – Einige oder doch sehr viele Vertreter der Ende der 80er-Jahre ausgerufenen Generation X sind mittlerweile ziemlich älter und budweiser (sic!) geworden. Generation X gleich: Kinder der immer schon alles besser und revolutionärer wissenden und deshalb auf ewig gebenedeiten 68er, die sich schon damals damit herumzuschlagen hatten, womit jetzt gerade auch die Kinder von Johnny Rotten zu tun haben: Papi ist der Beste – und er ist besser bezahlt!

Wie man in der Arena im Vorfeld des Comebacks der alten und treffender denn je benannten US-Szene-Gottheiten Dinosaur Jr. feststellen konnte, wird hier nicht nur über höhere Haaransätze, ökonomische Generaltrends vom Start- up- zum Close-down-Unternehmen oder Hemdgrößen geredet, die sich zunehmend dem eigenen Alter annähern.

Weil die älteren Leute heute auch dank ziemlich lauter Konzerte von früher hurtig der Taubheit der späten Jahre entgegenschreiten und sich ohnehin schon lauter als früher miteinander unterhalten müssen, ist es dann auch von den jetzt wiederkehrenden Jugendhelden des Abends sehr verdienstvoll, dass sie gleich mit dem ersten Song Gargoyle vom Debütalbum Dinosaur aus 1985 über die 700 Leute im Saal drüberfahren, als gäbe es zwischen einem Rockkonzert und einem Fliegeralarm nur minimale Unterschiede.

J. Mascis und Dinosaur Jr., eine der zentralen Bands der letzten 20 Jahre, die einst gemeinsam mit Kollegen wie Sonic Youth, den Pixies oder Hüsker Dü die Vorlage für den wütenden wie frustrierten, weinerlich-aggressiven wie gelangweilten Generation-X-Sound von Leuten wie Kurt Cobain und Nirvana erarbeiteten, aber naturgemäß nie von deren kommerziellen Erfolgen profitieren konnten, touren seit eineinhalb Jahren wieder in (zuletzt 1989 im Wiener U4 wütender) Originalbesetzung durch die Welt.

Und der nach wie vor stoisch seine Gitarre mit Effektpedalen zu kosmischen Schmerzenschreien tretende J. Mascis hat im Verein mit Bassist Lou Barlow und Drummer Murph in all den Jahren möglicherweise viel erlebt. Gelernt hat er daraus nichts.

Das vorwiegend aus den ersten drei Dinosaur-Jr.-Alben und hier vor allem dem epochalen You're Living All Over Me aus 1987 gespeiste Programm verschränkte zwingend die alten Vorgaben: Hardcore-Punk und Feedback-Lärm wird vom unbeteiligt wirkenden Mascis mit der Hippie-Larmoyanz eines Neil Young rückgekoppelt und hochmelodisch kreischend in der Spannung gehalten. Dahinter tobt die Rhythmusgruppe bei vollem Einsatz eiligst Richtung Zugabenblock. In dem setzte es mit Freakscene und Just Like Heaven die großen Hits. Jubel!

Der Tag danach bot eine philosophische Einsicht: Man muss nicht alles, was man hört, auch verstehen. Es war wirklich sehr, sehr laut. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2006)

Von Christian Schachinger
  • J. Mascis und die US-Alt-Slacker Dinosaur Jr. rockten die Rentnerjugend der Generation X in der Wiener Arena. Aber wie.
    foto: standard/robert newald

    J. Mascis und die US-Alt-Slacker Dinosaur Jr. rockten die Rentnerjugend der Generation X in der Wiener Arena. Aber wie.

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