Im Mai eine hässliche Mondlandschaft

11. Juni 2006, 19:11
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Vor 50 Jahren verschwand das Südtiroler Dorf Vernagt in einem Stausee

Vernagt – Adolfine Pirpamer lebt im Tiroler Bergsteigerdorf Vent, das seit zwei Jahren im Mittelpunkt von Kraftwerksplänen der Tiwag steht. Für die 65-Jährige, die mit ihrer Familie das Hotel Post führt, eine Art Déjà-vu-Erlebnis, denn vor 50 Jahren wurde ihr Südtiroler Heimatdorf Vernagt zum Großteil in einem Stausee ersäuft.

Zwischen Vernagt und Vent liegt das 3019 Meter hohe Niederjoch. Wer gut zu Fuß ist, schafft den uralten Alpenübergang in einem Tag. Mit dem Auto muss man einen Umweg von 200 Kilometern fahren und ist dreieinhalb Stunden unterwegs, erst wenn das Timmelsjoch ab Ende Mai wieder offen ist, sind es nur noch zweieinhalb.

Heimatbesuch

Am Samstag vor einer Woche hatte Adolfine Pirpamer noch den langen Weg zurückzulegen, um ihren Heimatort zu besuchen. Seit 1997 gibt es in Vernagt den Leiterkirchtag, organisiert von Pirpamers zehn Jahre jüngerem Bruder Hans Platzgummer, dem dort das Hotel Vernagt gehört. Der Kirchtag ist dem Heiligen Johannes Nepomuk, dem Schutzheiligen "gegen Wassergefahren", gewidmet. Der Festplatz liegt bei der Kapelle oberhalb des Stausees, "bewahre uns vor Wasserkatastrophen" heißt es in den Fürbitten. Trotz des kühlen Wetters kommen im Laufe des Nachmittags am Festplatz neben der Kapelle 100 Menschen und feiern ihr Vernagter Dorffest.

Verwüstete Landschaft

Derzeit ist der Stausee fast leer. Die Ränder sind 50 Meter hohe, steile Schuttwände. Das Becken des Sees erstreckt sich zweieinhalb Kilometer ins Tal hinein, eine verwüstete Landschaft aus Sand, Schlamm, Schotter, in der Mitte die verbliebene Wasserfläche. Rechter Hand ragt eine flachere Zunge in den See, dort war einmal das Dorf. Zu sehen sind nur die Reste des Turms der Dorfkapelle. In manchen Jahren, wenn der Wasserstand niedriger ist als heuer, tauchen auch die Reste der Grundmauern einiger Höfe auf. Auch die des Elternhauses der Geschwister, eines Tagwerkerhauses in Nachbarschaft zum Unterleithof.

Alte Fotos zeigen einen wunderschönen Talkessel mit saftigen Weideflächen, auf knapp 1700 Meter wurde sogar Getreide angebaut. Zumindest seit dem 13. Jahrhundert siedelten hier Menschen. 1948 kamen die Bauarbeiter der Etschwerke in das abgelegene Vernagt, das bis dahin nicht einmal eine Straßenverbindung hinaus in den Vinschgau hatte. "Die Leute haben das hingenommen", erinnert sich Pirpamer. 1956 wurde der Damm geschlossen, erstmals stieg das Wasser an, und nach und nach sind acht Höfe abgesiedelt worden. Fünf in höhere Lagen oder außerhalb der Staumauer. Drei Familien zogen weiter weg, es gab ja kaum noch Weideflächen. "Vielfach sind die Kontakte abgerissen", sagt Platzgummer und weiß, dass die Entwurzelung bei vielen Betroffenen soziale Probleme nach sich gezogen hat.

"Wie voll ist er schon?"

In ein paar Wochen wird der See langsam wieder aufgefüllt. Dann wird Hans Platzgummer von den Bewohnern von Unsere Frau, der nächsten talauswärts liegenden Gemeinde wieder öfter gefragt werden: "Wie voll ist er schon?" Im Herbst sind es dann bis zu 44 Millionen Kubikmeter Wasser, und angesichts der instabilen Hänge an der Südseite sind die Gefühle der Menschen erahnbar, die unterhalb der Staumauer leben. Da mag sie noch so begrünt sein und der Stausee dann fast so idyllisch daliegen wie ein richtiger Bergsee. (Hannes Schlosser, DER STANDARD-Printausgabe, 30.05.2006)

  • Die Reste der Vernagter Dorfkapelle inmitten der Schlamm- 
wüste des fast geleerten Stausees. Im Hintergrund die neue Kapelle und Teile des nach 1956 neu errichteten Dorfs.
    foto: hannes schlosser

    Die Reste der Vernagter Dorfkapelle inmitten der Schlamm- wüste des fast geleerten Stausees. Im Hintergrund die neue Kapelle und Teile des nach 1956 neu errichteten Dorfs.

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    foto: hannes schlosser
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