30.5.2006: Als die Dichter den Konsens verwarfen

2. Juni 2006, 19:55
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Peter Handke und der "ungerührte Blick" - Von Ronald Pohl

Nur den Dichtern ist zu Zeiten erlaubt, was die liberaldemokratische Öffentlichkeit in entwickelten Diskursgesellschaften unmöglich dünkt. Peter Handke soll, so tönt die Fama im Empörungston, im Herbst mit einem bedeutenden Literaturpreis im Namen Heinrich Heines ausgezeichnet werden.

Umso verwunderlicher erscheint es da, dass einzelne Vertreter einer in Düsseldorf zusammengetretenen Jury ihr Abstimmungsverhalten zum Gegenstand einer nachträglichen Gesinnungsbeichte machen.

Christoph Stölzl (CDU) etwa, ein wenig in Erinnerung gebliebener Berliner Kultursenator, bekennt tapfer, im gremialen Rahmen gegen Handke gestimmt zu haben. In Unehren ergraute Grünpolitiker hoffen gar auf das Dazwischentreten der Weltvernunft – und plädieren für die kommunale Aufhebung einer Entscheidung, die doch nicht anders als verwaltungsdemokratisch zustande gekommen ist.

Handke, argumentierte die Jury mehrheitlich, verfolge auf Heines Spuren den Weg zu einer "offenen Meinung". Bedeutsamer erscheint noch folgender, offenbar unliebsamer Begründungszusatz: "Den poetischen Blick auf die Welt setzt er gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale."

Handkes sattsam abgehandeltes Eintreten für die serbische Sache, am Grabhügel des Slobodan Milosevic in der Form eines recht merkwürdig anmutenden Stoßgebets geäußert, gehört in der Tat nicht auf den Meinungsmarkt.

Handke postuliert seit gut zwei Jahrzehnten sein dichterisches Geschäft als die behutsame Ausbildung eines Erkenntnismittels. Die dichterische Form der Weltwahrnehmung, die in Handkes Fall zu Teilen aus Naturfrömmigkeit besteht, aber eben auch aus seismografischer Lust an "unorthodoxen" Verzeichnungsformen von Welt, versteht derjenige, der die Erkenntnisleistungen von Dichtern nicht an der Opportunität des in ihnen enthaltenen moralischen Gehalts misst.

Es mutet daher geradezu bizarr an, ausgerechnet im Gottfried-Benn-Gedenkjahr an die Privilegierung jener "Blicktechnik" zu erinnern, die große Kunst sehr oft erst hervorbringt. Da Handke absehbar nicht beabsichtigt, als gewählter Mandatar in den Deutschen Bundestag einzuziehen, wird man ihn auch nicht "politisch" in die Pflicht nehmen müssen.

Bereits zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts glaubte eine honorige Schar von Poeten und Modernisten, von der Mehrheits^fähigkeit ihrer Ansichten durchaus absehen zu dürfen. Die Etablierung eines ehedem "sachlichen" Blicks – Benn war bekanntlich Arzt und Anatom – ersetzte die Anwandlungen des Hurra-Patriotismus ebenso wie das parteiliche Projekt einer Emanzipation, die den sprachlos Gebliebenen die oftmals nur verstellte Stimme lieh.

Denn zum Beispiel schürfte aus der ungerührten Betrachtung des metaphysisch unterstandslos gewordenen Massenmenschen zahllose Einsichten hervor, deren kalt aufschimmernde Schönheit mindestens seinen Gedichten zugute kam. Seine "Zuchtprogramme", die er anschließend den Nazis anbot, sind grauenhafte intellektuelle Fehlleistungen. Sie ändern nur nichts an der Geltung jener "Hand voller Gedichte", die eben Benns Ruhm bis heute unvermindert ausmachen.

Mit ebenso gutem Recht könnte man an Ernst Jünger erinnern, oder an "Hitlers Kronjuristen" Carl Schmitt: Allesamt Intellektuelle, deren umstrittene Schriften Erfahrungssubstrate enthalten, die eine kritische Gemeinschaft von Lesenden bis heute nicht guten Gewissens entbehren mag. Obwohl oder weil die darin festgehaltenen Einsichten "ernst" mit gewissen Dingen unseres Lebens machen, was sich mit einigen Prämissen unserer liberaldemokratischen Vernunft nicht verträgt.

Die Geschäfte des Intellekts und der Dichtung sind somit solche, die sich der öffentlichen Preiswürdigung vielleicht schlechthin entziehen. Konsensträchtig wird man sie nicht nennen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2006)

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