"Alles was Qualität und Inhalt hat, wurde wegkastriert"

7. Juni 2006, 14:49
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"SOS ORF" für ORF-Führung, die Unabhängigkeit lebt - Plattform präsentierte Ziele

Am Montag ging die Plattform "SOS ORF" im Rahmen einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit, um ihre Ziele für die Rettung des ORF zu präsentieren. Der ORF möge seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag ernst nehmen und erfüllen, die Politik möge sich aus dem ORF heraus halten und den ORF in Ruhe lassen, erklärte "SOS ORF"-Sprecher Peter Huemer. Einen eigenen Kandidaten für die Wahl des ORF-Generaldirektors will man nicht aufstellen.

Die Plattform, die im Internet unter sos-orf.at Unterschriften für eine ORF-Petition sammelt, brachte es innerhalb einer Woche bereits auf 25.000 Unterstützungserklärungen (Stand Montag, 13 Uhr). "Das ist ein fulminanter Erfolg", sagte Huemer. "Wenn die Politik nicht im Stande ist, ein unabhängiges, öffentlich-rechtliches Fernsehen zu garantieren, dann muss die Zivilgesellschaft einspringen", ergänzte die Publizistin Barbara Coudenhove-Kalergi. Fritz Csoklich, Ex-Chefredakteur der "Kleinen Zeitung" und Initiator des ORF-Volksbegehrens von 1964, will den ORF in eine "freiere Atmosphäre führen".

Schulmeister: ORF oft weit "hinter den Möglichkeiten der Qualität seiner Mitarbeiter"

Heftige Kritik am ORF gab es vom langjährigen ORF-Auslandskorrespondenten Paul Schulmeister. "Das Problem des ORF ist ein Problem der Qualität und des mangelnden Selbstanspruchs an sich selbst", sagte Schulmeister. Während etwa der ORF-Radiosender Ö1 ausgezeichnetes Programm liefere, befinde sich das ORF-Fernsehen "in einer ziemlich katastrophalen Lage". Mit "Dancing Stars" allein werde man nicht in die Geschichte eingehen. Schulmeister verwies auf die "Informationsexplosion" unter dem früheren ORF-Generalintendanten Gerd Bacher. Heute bleibe der ORF oft weit "hinter den Möglichkeiten der Qualität seiner Mitarbeiter" und leiste einen Beitrag zur "Selbst-Provinzialisierung" Österreichs. "Das ist der Weg nach Krähwinkel."

Ähnlich die Schriftsteller Marlene Streeruwitz und Gert Jonke. "Alles was Qualität und Inhalt hat, wurde wegkastriert. Unser Fernsehen ist ein charakter- und seelenloser Betrieb geworden", meinte Jonke.

Personaldiskussion

In die Personaldiskussion um die Wahl der neuen ORF-Führung im August und September will sich die Plattform "SOS ORF" nicht einmischen. Es gehe nicht darum, ORF-Generaldirektorin Monika Lindner oder ORF-Chefredakteur Werner Mück (als Informations-Direktor) zu verhindern, erklärte Huemer. "Die nächste Geschäftsführung soll den öffentlich-rechtlichen Auftrag und die Unabhängigkeit von der Politik leben." Einen eigenen Kandidaten für die Generaldirektorenwahl werde man "nicht ins Rennen schicken".

"Wollen breitere und transparente Wahl"

Kritik gab es aber an der "unerträglichen Situation", dass die Wahl mit der ÖVP-Festlegung auf Monika Lindner quasi schon feststehe. Dies führe dazu, dass andere ernst zu nehmende Kandidaten wohl nicht bereit sein würden, sich für die Position des ORF-Chefs zu bewerben. "Wir wollen eine breitere und transparente Wahl mit gleichen Chancen für alle Bewerber, eine Entscheidung nach Konzepten und nicht nach Parteisekretariaten. Es darf im Stiftungsrat kein Präjudiz geben", appellierte Huemer an das oberste Aufsichtsgremium des ORF, das die Spitze des Unternehmens in offener Abstimmung wählt.

Noll: "Politische Gängelung ist durch das ORF-Gesetz nicht gedeckt"

Der Anwalt Alfred Noll wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das ORF-Gesetz alle Möglichkeiten der Unabhängigkeit biete. "Politische Gängelung ist durch das ORF-Gesetz nicht gedeckt. Der ORF könnte in diesem Land der Public Watchdog sein, tatsächlich ist er in allzu vielen Fällen das Schoßhündchen der Regierung geworden", meinte Noll. Der ORF brauche mehr Luft, das ORF-Gesetz müsse auch gelebt werden, die Regierung müsse ihr ORF-Gesetz ernst nehmen.

Laut "SOS ORF"-Sprecher Huemer hat es bisher keine Einladung Monika Lindners zum von ihr angeregten Runden Tisch gegeben. "Wir kommen gerne", wenn es eine solche Einladung gibt. Die Frage eines neuerlichen ORF-Volksbegehrens stelle sich im Moment noch nicht, sagte Huemer. Wenn man bei ORF-Führung und Regierung mit den Forderungen auf "taube Ohren" stoße, seien diese freilich neuerlich zu stellen. Das Ziel für die Unterschriften für einen unabhängigen, öffentlich-rechtlichen ORF legte Coudenhove-Kalergi fest. "Die Hundekot-Initiative hat 160.000 Unterschriften erreicht. Ich könnte mir vorstellen, dass uns der ORF so viel Wert ist wie die Hundstrümmerl." (APA)

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    Mit "Dancing Stars" allein werde man nicht in die Geschichte eingehen. Paul Schulmeister (rechts), Peter Huemer, der Sprecher der Plattform, Barbara Coudenhove-Kalergi.

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