Schwerste Unruhen in Kabul seit dem Sturz der Taliban

9. Juni 2006, 16:01
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US-Soldaten schossen in aufgebrachte Menge - Lage in Kabul beruhigt sich - Mindestens acht Tote und über 100 Verletzte

Kabul - Nach den schwersten Unruhen in der afghanischen Hauptstadt Kabul seit dem Sturz der islamistischen Taliban 2001 hat sich die Lage am Montagnachmittag beruhigt. Die Demonstranten, die wütend gegen die US-Armee protestiert hatten und zum Botschaftsviertel gezogen waren, hätten sich zerstreut, berichteten Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Polizisten und Soldaten patrouillierten durch die Stadt. Die meisten Geschäfte blieben verschlossen und verriegelt.

Die Demonstranten hatten zahlreiche Wachposten der Polizei, Fahrzeuge und Gebäude angezündet. U.a wurde auch ein Gebäude der Hilfsorganisation CARE geplündert. Mehrere Demonstranten zogen einen Mann, offenbar einen westlichen Ausländer, aus einem Auto und schlugen ihn. Ihr Opfer konnte sich bei Polizisten in Sicherheit bringen.

Verkehrsunfall als Zündfunke

Ausgelöst hatte die Ausschreitungen ein von US-Truppen verursachter Verkehrsunfall, über dessen Hergang es zunächst unterschiedliche Darstellungen gab. Ein Sprecher der US-geführten Streitkräfte erklärte, ein großer LKW habe wegen technischer Probleme an einer belebten Kreuzung zwölf Fahrzeuge gerammt. Nach Berichten von Augenzeugen fuhren drei Geländewagen in einen Stau. "Der amerikanische Konvoi hat alle Fahrzeuge in seinem Weg gerammt. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um die Zivilisten", sagte der Ladenbesitzer Mohammad Wali.

Das afghanische Gesundheitsministerium hat die Zahl der Toten nach dem Unfall und den Ausschreitungen auf mindestens acht beziffert. 107 Personen seien verletzt worden, hieß es.

Beschwerden über US-Militärkonvois

Es gab bereits häufig Beschwerden über US-Militärkonvois, die mit hohem Tempo durch belebte Stadtviertel fahren und dabei mitunter Verkehrsregeln missachten. Die Streitkräfte begründeten dies mit dem Schutz vor Anschlägen.

Amerikanische und afghanische Truppen schossen nach Polizeiangaben nach dem Unfall auf Demonstranten, die "Nieder mit Amerika" skandierten und Steine warfen. Ein Demonstrant sei von US-Soldaten erschossen worden, erklärten zwei Polizeisprecher. Der Sprecher der internationalen Truppe, Oberst Thomas Collins, sagte, die Besatzung eines Militärfahrzeugs habe über die Menge in die Luft geschossen. "Dies war ein tragischer Zwischenfall", sagte er und sagte den afghanischen Behörden volle Unterstützung bei der Untersuchung zu. Man bedauere zutiefst, dass Menschen zu Schaden gekommen seien.

Aus Richtung der amerikanischen Botschaft waren Schüsse zu hören, das Personal wurde an einem sicheren Platz innerhalb des stark gesicherten Gebäudes zusammengezogen, wie ein Sprecher mitteilte. Der afghanische Präsident Hamid Karzai rief zur Ruhe auf und versicherte, die Regierung werde das Möglichste zum Schutz von Leben und Besitz tun. (APA/dpa/AP/Reuters/Red)

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    Der Unfallsort in Kabul, an dem sich der Zusammenstoß des US-Militärkonvois mit Zivilfahrzeugen ereignet hatte.

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    Steine fliegen in Richtung Militärfahrzeug.

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    Die aufgebrachte Menschenmenge setzte Polizeifahrzeuge in Brand und skandierte antiamerikanische Parolen.

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