Kolumne: Kein Recht auf Faulheit?

18. Juni 2006, 19:35
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Von den "7 Todsünden" hat die Faulheit in einer "Leistungsgesellschaft" naturgemäß einen besonders schlechten Ruf - Von Bernd Marin

Der ehemalige Kanzler Schröder tadelte, inmitten seiner die eigenen Genossen frustrierenden und weit gehend erfolglosen Reformbemühungen, das deutsche Volk für seine vermeintliche "Mitnahme"-Mentalität: es gäbe "kein Recht auf Faulheit".

Da er sich freilich nicht, wie Bertolt Brecht den Herrschenden im deutschen Osten einst empfohlen hatte, "ein anderes Volk wählen" konnte, wählte das Volk sich einen anderen Kanzler. Verständlich übrigens, nicht wegen Schröders Geißelung von Faulheit und Trittbrettfahrerei, sondern weil er sein Wahlversprechen, das unter seinem Amtsvorgänger Kohl erreichte Niveau der Massenarbeitslosigkeit zu reduzieren, nicht nur nicht halten konnte, sondern die Beschäftigungslage sich weiter dramatisch verschlechtert hatte: fünf statt zuvor vier Millionen offizielle Arbeitslose und weitere rund dreieinhalb Millionen versteckt Arbeitssuchende. Da kam die Beschwörung weit verbreiteter reaktionärer Feindbilder von faulen Säcken und Sozialschmarotzern gerade recht, um vom eigenen Reformversagen billig auf Sündenböcke abzulenken.

Nichts leichter als das: Von den "7 Todsünden" hat die Faulheit in einer "Leistungsgesellschaft" naturgemäß einen besonders schlechten Ruf. Als einziges klassisches Laster ist die Trägheit seit der industriellen Revolution nicht in eine Tugend umgedeutet worden; im Gegensatz etwa zu Wollust und Völlerei, Hochmut und Habgier.

Einerseits auch zu Unrecht, weil "Faule führen keine Kriege" (Dinah Marin-Surkes), sie verkörpern die Utopie süßen Nichtstuns in einer rastlosen Ellbogengesellschaft, die reich genug für mehr Muße, gelassene Zufriedenheit und weniger Gier wäre. Andererseits aber durchaus zu Recht, weil Abstauber-, Ausbeuter- und Trittbrettfahrermentalität gegenüber Arbeitskollegen und der Versicherungsgemeinschaft, eine "Kultur der Abhängigkeit" am Tropf staatlicher Fürsorge, geprägt von träger, selbstmitleidiger oder aggressiver Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer sowie von Verantwortungslosigkeit, Indolenz und Denkfaulheit unbestreitbar weiter verbreitet sind, als uns allen gut tut.

Abgesehen davon, dass wir Wissenschafter nie von "Faulheit", sondern allenfalls von "Präferenz für Freizeit" sprechen, hat Gerhard Schröder nicht verstanden, dass freie Gesellschaften weder Zwangsarbeit noch Arbeitszwang kennen und Faulheit hinnehmen müssen - solange, ja solange es nicht um Sozialbetrug geht und solange Trägheit sich selbst alimentiert und nicht aus Ansprüchen an Sozialkassen speist. Genau diese "sucker-mentality" mag jedoch Deutsche - und Österreicher? - etwa von Schweizern, Briten, Holländern und Skandinaviern unterscheiden: Während kein Schwede, Däne, Finne oder Norweger auf die abartige Idee käme, sich bis zu sieben Jahren Frühpension von seinen weiterarbeitenden Kollegen spendieren zu lassen, verlangen wir selbstverständlich und ohne jede Scham öffentliche Kostenübernahme sogar für unseren - überwiegend freiwilligen! - vorzeitigen Ruhestand; unter Berufung auf 101 immer wiederkehrende, weitestgehend widerlegte, aber ungebrochen wirksame Alltagslegenden.

Denn wenn es um unser wohlerworbenes Recht auf abschlagsfreie Frühpension geht, entwickeln wir unglaublichen Fleiß, einen wahren Begründungsfuror und sprudelnden Einfallsreichtum - wie als Schwarzfahrer in der Bim. So viel Motivation bringen wir auf, um Recht zu behalten und Gewohnheiten beibehalten zu können, die wir zu Unrecht für Rechte halten - nur weil rund 90 Prozent mit Höchstgeschwindigkeit in die Frühpension rasen. Massenkarambolage programmiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2006)

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