Vorsichtige Annäherung Belgrads

14. Juni 2006, 15:30
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Serbiens Präsident in Montenegro - Podgoricas Opposition erkennt Plebiszit nicht an

Eine Woche nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro brach Serbiens Präsident Boris Tadic das Eis. Er besuchte am Samstag Podgorica und versuchte die Lage zu entspannen. Belgrad werde die Unabhängigkeit Montenegros gleich nach einer entsprechenden Erklärung der EU anerkennen. Es sei im Interesse beider Staaten, in Fragen der Wirtschaft, Verteidigung und Außenpolitik eng zusammenzuarbeiten, beteuerte Tadic.

Auch sein montenegrinischer Kollege Filip Vujanovic sprach von freundschaftlichen Beziehungen und offenen Grenzen. Das Wahlrecht ausgenommen, sollten die Bürger beider Staaten die gleichen Rechte wie bisher genießen, sagte er.

Das herzliche Händeschütteln der zwei Präsidenten stand jedoch im Schatten von Beschuldigungen aus Podgorica und Belgrad. Serbiens nationalistische Regierung hetze die montenegrinische Opposition auf, hieß auf der einen, Montenegros Premier Milo Djukanovic sei der "beste Schüler von Slobodan Milosevic", auf der anderen Seite.

Öl auf das Feuer der unzufriedenen proserbischen Opposition in Montenegro gießen in der Tat einzelne serbische Minister, die die Gesetzmäßigkeit des Volksbegehrens infrage stellen. Man wolle zuerst das offizielle Endergebnis abwarten und erst dann die Unabhängigkeit der kleineren Teilrepublik anerkennen, ist dieser Tage die beliebteste Floskel in Belgrad. Gern wird unterstrichen, dass im "Polizeistaat" Montenegro undemokratische Zustände herrschten und die gleichgeschalteten Medien in die Stimmkampagne der Sezessionisten eingespannt gewesen wären. Der Einwand, dass sich die serbische Regierung mit dem Zerfall des gemeinsamen Staates nicht abfinden könne und durch ihr Zögern mögliche Unruhen in Montenegros gespaltener Bevölkerung in Kauf nehme, wird ärgerlich abgewiesen.

Der Block für den gemeinsamen Staat werde das Ergebnis des Referendums und somit die Unabhängigkeit Montenegros nicht anerkennen, kündigte der Chef der montenegrinischen Unionisten, Predrag Bultavovic, in einem Brief an Brüssel an. Die von der EU geleitete Referendumskommission habe zahlreiche Einwände gegen den Ablauf des Plebiszits nicht berücksichtigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.5.2006)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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