"Das bisherige Modell hat sich überlebt"

8. Juni 2006, 15:46
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Palfinger-Vorstandschef Anzengruber hält die bisher praktizierte Art der Lohnfindung für unzeitgemäß und plädiert im STANDARD-Gespräch für Neuerungen

STANDARD: Das von Industrievertretern geforderte neue Lohnmodell sorgt für heiße Diskussionen. Zu Recht?

Wolfgang Anzengruber: Das bisherige Modell einheitlich hoher Abschlüsse für Unternehmen ein und derselben Branche hat sich überlebt. Man kann nicht die gesamte Metallindustrie über einen Kamm scheren. Da gibt es gut verdienende Unternehmen wie die Voest, aber auch Betriebe, die mit dem Überleben kämpfen. Der Ansatz, mehr auf die Betriebsebene zu verlagern, ist schon gut. Es stellt sich halt die Frage, welchen Maßstab man nimmt.

STANDARD: Als Messgröße steht die operative Marge zur Diskussion, also das Verhältnis von operativem Ergebnis (Ebit) zum Umsatz. Wäre das was?

Anzengruber: Für eine Unternehmensgruppe wie Palfinger mit 28 Gesellschaften in 13 Ländern und einer sehr starken Verflechtung untereinander wäre das schwer umzusetzen. Mir schiene es sinnvoller, den Return on Capital Employed, also die Rendite des eingesetzten Kapitals, als Maßstab heranzuziehen. Diese Kennzahl bildet die realen Verhältnisse besser ab.

STANDARD: Wie viele Mitarbeiter hat Palfinger in Österreich?

Anzengruber: Etwa 850, rund 50 Personen mehr als vor einem Jahr. Wir versuchen, die Zahl der Mitarbeiter in Österreich stabil zu halten bzw. leicht zu steigern. Die großen Zuwächse finden aber außerhalb Österreichs statt. Insgesamt beschäftigen wir mehr als 3300 Personen.

STANDARD: Wie sieht die Aufgabenteilung aus?

Anzengruber: In Österreich liegt der Fokus auf höherwertigen Tätigkeiten, in Bulgarien profitieren wir von niedrigeren Lohnkosten. Dort bauen wir die Kapazitäten aus. Im Werk Tenevo etwa fertigen wir Zylinder, die in unseren Kranen zum Einsatz kommen. Im Vorjahr lag der Output bei knapp 70.000 Zylindern, heuer soll die volle Kapazität von etwa 110.000 erreicht werden.

STANDARD: Welche Konsequenzen hätte es für Palfinger, wenn sich der EU-Beitritt Bulgariens auf 2008 verschieben würde?

Anzengruber: Was die Produktionskosten betrifft, sollte dies kein Nachteil für uns sein. Auf den Markt dort hätte das aber schon Einfluss. Denn die Mitgliedschaft in der EU bringt zusätzliches Wachstum. Das hat sich sehr deutlich in jenen Ländern gezeigt, die zuletzt der Union beigetreten sind.

STANDARD: In Marburg bauten sie bisher auch Ladebordwände zusammen, das soll künftig in Lengau (OÖ) geschehen. Was ist der Grund?

Anzengruber: Das ist keine strategische Neuausrichtung, sondern ein Konzentrationsprozess. Wir sagen, Marburg soll sich künftig voll auf die Fertigung konzentrieren und sich nicht durch einen Montagebereich verwässern lassen, der im Übrigen sehr klein ist. Da Lengau auf Montage fokussiert ist, passt das auch besser dorthin. Es ist leichter, von der Montage eines Produktes in die Montage eines anderen zu wechseln als von der Fertigung in die Montage oder von der Montage in die Fertigung.

STANDARD: Wie unterscheiden sich Marburg und Lengau hinsichtlich der Arbeitskosten?

Anzengruber: Wir haben heute noch ein Verhältnis von etwa eins zu drei.

STANDARD: Und früher?

Anzengruber: Eins zu acht bis eins zu zehn, wie es heute noch in Bulgarien ist. Es gibt natürlich Produktivitätsunterschiede und Kosten anderer Art, die anfallen. Unterm Strich bleibt aber noch immer ein deutlicher Vorteil.

STANDARD: Dennoch investieren Sie in Lengau . . .

Anzengruber: . . . acht Millionen Euro in eine höher automatisierte Maschinentechnik und einen kleinen Zubau. Wir fertigen dort Ausschübe für die Krane aus hochfestem Stahl. Die Investition ist ein klares Signal, dass Lengau für uns ein wichtiger Standort ist.

STANDARD: Sie starten demnächst mit einer eigenen Montage in China, sind Sie dort nicht etwas spät dran?

Anzengruber: In China wiederholt sich, was sich vor unserer Haustür in Osteuropa abgespielt hat. Zuerst wird in die Infrastruktur investiert, dann kommen Konsumartikel dran und in der dritten Phase, wenn auch Arbeitskosten eine Rolle zu spielen beginnen, sind effizienzsteigernde Produkte wie Knickarmkrane, Hebebühnen und dergleichen an der Reihe. Darauf bereiten wir uns vor.

STANDARD: Welche Produkte stellen sie in China her?

Anzengruber: Wir montieren ab Herbst Containerwechselsysteme und Hakengeräte. Da ist die Gefahr nicht so groß, kopiert zu werden. Vor eineinhalb Jahren, als wir noch nach Partnern gesucht haben, hat man uns nachgebaute Palfingerkrane gezeigt. Man hat uns wissen lassen, dass nur die Guten kopiert werden. Das war als Kompliment gedacht.

ZUR PERSON: Wolfgang Anzengruber (49) ist seit September 2003 Vorstandsvorsitzender der Palfinger AG. Seine vorhergehenden beruflichen Stationen führten über die SGP-Gruppe und ABB Österreich zur Salzburg AG. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2006)

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    Hat in Österreich höherwertige Tätigkeiten im Auge: Palfinger-Vorstandschef Wolfgang Anzengruber.

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