Heiße Herbstlohnrunde schon im Mai

20. Juni 2006, 15:45
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GPA pocht auf Produktivitätsfaktor bei Industrielöhnen statt Mindestlohn plus Gewinnanteil

Wien - Ungewöhnlich früh und mit besonders scharfen Vorgaben der Arbeitgeber hat die Herbstlohnrunde der Metaller begonnen. Die Istlöhne sollen nicht um einen aus Produktivität und Teuerung gemixten Index steigen, sondern nur um die Inflationsrate.

Im Gegenzug sollen die Arbeitnehmer am Gewinn beteiligt werden, allerdings nur über eine Einmalzahlung, sofern der Betrieb überhaupt Gewinne schreibt. Bei einer Ebit-Marge von fünf Prozent würde diese 0,5 Prozent ausmachen, ein Prozent wäre das Maximum, um Rekordgewinner wie Voest und Böhler nicht überproportional zu belasten.

Kaufkraftsicherung ohne Alternative

Karl Proyer, Chefverhandler der Privatangestellten-Gewerkschaft GPA und für die gegenüber den Stahlarbeitern zahlenmäßig mehr werdenden Industrieangestellten, kann dem nichts abgewinnen. Auch glaubt er nicht, dass Ex-Metallerchef Rudolf Nürnberger einer Abkehr von der produktivitätsorientierten Lohnpolitik im Lichte der ÖGB-Krise bereits zugestimmt hat. "Die Kaufkraftsicherung bleibt ohne Alternative", stellt Proyer klar, "an Mindestlohnerhöhungen führt daher kein Weg vorbei, weil sie volkswirtschaftlich notwendig sind."

"Knebelung"

Dass Konzerne wie Siemens nicht einmal mehr die so genannte Verteiloption (ermöglicht die innerbetriebliche Verteilung eines Teils der Lohnsumme über Prämien für Leistungsträger, Anm.) nützen, ist für Proyer nur ein Indiz dafür, dass es den Arbeitgebern nicht um Flexibilisierung gehe, sondern um reine Kostenvorteile zulasten der Arbeitnehmer. Warum die GPA ergebnisbezogene Einmalzahlungen auch ablehnt: Weil diese immer erst sechs bis 18 Monate nach dem Geschäftsjahr vorliegen, von Konjunktur und Investitionsquote völlig abgekoppelt.

Laut Berechnungen des Wifo steigt aber die Lohnquote stetig, während die Investitionsquote stabil bleibt. Gegen mehr "Flexicurity" spricht laut GPA-Mann Proyer weiters, dass sich ein Betrieb die Ausbildungskosten pro Beschäftigten viel einfacher zurückholen könne als früher und dafür auch noch länger Zeit habe.

Kontraproduktiv

"Das ist eine Knebelung, weil der Arbeitgeber selbst bei einem Arbeitsplatzwechsel innerhalb eines Betriebs zwei Monatsentgelte zurückverlangen kann, wenn jemand vor sechs bis acht Jahren eine Weiterbildung bezahlt bekommen hat." Damit bestrafe man Flexibilität geradezu, was absolut kontraproduktiv sei. Vor diesem Hintergrund plädiert Proyer klar für eine Rückkehr zur produktivitätsorientierten Lohnpolitik. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2006)

  • Weist die Forderungen nach mehr Lohnflexibilität zurück: GPA-Gewerkschafter Karl Proyer.
    foto: standard/fischer

    Weist die Forderungen nach mehr Lohnflexibilität zurück: GPA-Gewerkschafter Karl Proyer.

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