SPÖ probt Wahlkampf auf Ungarisch

21. Juni 2006, 14:21
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Verblüffend ähnliche Kampagnen während Wahlkampf in Ungran - Was für den Erfolg zählt, ist die "passende" Stimmung

Wien/Budapest - "72 Prozent mehr Arbeitslose bei Berufseinsteigern!", schimpften die einen auf schwarzen Plakaten, in orangen Lettern. "Jugendarbeitslosigkeit verdoppelt!", klagen die anderen - auf schwarzen Plakaten, in orangen Lettern. Die einen glaubten zu wissen, dass dieser Umstand "dank Gyurcsany"zu beklagen sei; die anderen ziehen den Schluss, dies sei "Schüssels traurige Bilanz".

Die einen - das ist die rechtskonservative Partei Fidesz - Ungarischer Bürgerverband unter der Führung von Viktor Orbán, die mit schwarz-orangen Plakaten und negativen Slogans im April in die ungarischen Parlamentswahlen gezogen waren.

Ideologisch verkehrt

Die anderen - das ist die SPÖ, Sozialdemokratische Partei Österreichs, unter der Leitung von Alfred Gusenbauer. Es ist purer Zufall und mit Sicherheit nicht beabsichtigt, dass die SPÖ nun mit fast identischen Plakaten - ebenfalls schwarz, ebenfalls orange Schrift, ebenfalls Klagen über die triste Lage im Land - die hiesige Nationalratswahl zu gewinnen hofft. Die Übereinstimmung ist nicht nur im Grunde ideologisch verkehrt, sie kann auch praktisch nicht im Sinne der SPÖ sein.

Denn Viktor Orbán ging mit seiner Kampagne baden. Die Ungarn wollten nicht lesen, dass es ihnen nun schlechter gehe als noch vor vier Jahren, sie wollten schon gar nicht mit den traurigen Gesichtern der zweiten Plakatwelle konfrontiert werden, die da beispielsweise klagten: "Ich habe umsonst studiert, ich finde keine Stelle."Sie schenkten lieber dem amtierenden Premier Ferenc Gyurcsany von der sozialistischen Partei MSZP ihre Stimmen.

"Dritter Weg"

Denn der erzählte ihnen, wie toll das Land sei, wie stark die Wirtschaft boome und wie gut es ihnen selbst gehen werde, wenn sie nur fest an ihn glauben würden. Im Übrigen fährt Sozialdemokrat Gyurcsany einen wirtschaftsliberalen Kurs, steht für einen "dritten Weg", wie ihn sein Vorbild Tony Blair beschreitet.

Herausforderer Orbán dagegen präsentierte sich als Anwalt der "kleinen Leute", er beschwor soziale Sicherheit, wetterte gegen den "Ausverkauf der ungarischen Wirtschaft"und sorgte sich um Arbeitslosigkeit, steigende Mieten und stagnierendes Lohnniveau. Doch Orbán betrieb Wahlkampf gegen die Stimmung im Lande: "Es hat keine Stimmung für einen Regierungswechsel gegeben. Die ganze Kampagne war misslungen", analysierte der ungarische Politologe Laszlo Keri am Wahlabend des 24. April.

Oppositionspartei

Nun versucht in Österreich ausgerechnet die SPÖ, mit einer in schwarz-orange gehaltenen Negativ-Kampagne à Viktor Orbán die Wahl zu gewinnen. Für den österreichischen Poltiologen Peter Filzmaier ist das noch nicht per se unklug: "Es gibt eine regierungskritische Stimmung. Die Menschen sind skeptisch, fürchten um ihre Zukunft, sind nicht optimistisch."Insofern liege es nahe, dass eine Oppositionspartei auch genau diese Stimmung verstärke.

Der Haken an der Sache: "Man sollte das nicht tun, wenn man sich selbst nicht als Alternativ-Regierung darstellen kann."Orbán in Ungarn konnte das nicht - und auch die SPÖ tut sich in genau diesem Punkt schwer.

"Mehr Steuern als früher"

Filzmaier: "Es gibt definitiv keine Stimmung, die die SPÖ als Alternative darstellen würde." Die Chancen der Opposition bestünden freilich vor allem darin, auch die anderen "unwählbar" zu machen.

So seien etwa 80 Prozent der Befragten in den Fokusgruppen der Meinung, sie zahlten "mehr Steuern als früher", ebenso werden steigende Mieten, sinkende Pensionen und höhere Arbeitslosigkeit der Regierung angelastet. Die Kunst sei, "den passenden Wahlkampf zur passenden Stimmung zu machen".

Wie schnell die Stimmung umschlagen kann, bewies der jüngste Bawag-Skandal. Davor hatten SPÖ-Spitzenpolitiker oft und gerne das Wort von der "sozialen Kälte"in den Mund genommen, wenn es galt, die Regierung zu beschreiben. Davon hat man nun schon länger nichts mehr gehört - wohl aus gutem Grund. Angesichts der Penthouse-Kalamitäten des ehemaligen obersten Gewerkschafters wäre dies denn auch zu heikel. Statt dessen geißeln Gusenbauer und Co nun lieber die "Allmacht der ÖVP".

Ursprünglich soll auch der Slogan "Nur die SPÖ schafft das"in die engere Wahl gezogen worden sein - den hat der Bawag-Skandal nun mit Sicherheit unmöglich gemacht. (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 29.5.2006)

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    Ähnlicher Ansatz, bis hin zu grafischen Details der Kampagne: Doris Bures und Norbert Darabos.

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    "Ich habe umsonst studiert, ich finde keine Stelle", klagte dieser junge Mann auf einem ungarischen Oppositions-Flugblatt. Vergeblich.

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