Russlands Firmen auf Einkaufstour

21. Juni 2006, 13:57
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Die Preisexplosion auf den Rohstoffmärkten hat Milliarden US-Dollar in die Kassen der russischen Konzerne gespült

Moskau - Präsident Wladimir Putin gab die Strategie der russischen Wirtschaftspolitik in seiner Rede zur Lage der Nation vor. Das Land müsse sich auf den globalen Märkten positionieren und dabei stets den eigenen Vorteil vor Augen haben, forderte der Kreml-Chef Mitte Mai. Der Stahlbaron Alexej Mordaschow (Severstal) machte gleich Nägel mit Köpfen und steigt als größter Aktionär beim bedrängten luxemburgischen Branchenriesen Arcelor ein.

Noch ist die Liste größerer russischer Firmenübernahmen im Westen überschaubar: Severstal kaufte vor der geplanten Fusion mit Arcelor den US-Stahlkocher Rouge Steel sowie die italienische Lucchini-Gruppe. Der Ölkonzern Lukoil übernahm ein Tankstellennetz in den USA. Im Telekombereich stieg die russische Alfa-Gruppe Ende 2005 für 2,5 Milliarden Euro beim türkischen Mobilfunker Turkcell ein. Der weltgrößte Förderer von Palladium und Nickel, die russische Norilsk Nickel, schluckte 2003 den US-Bergbaukonzern Stillwater Mining.

Volle Kassen

Die Preisexplosion auf den Rohstoffmärkten hat Milliarden US-Dollar in die Kassen der russischen Konzerne gespült, was weitere Käufe erwarten lässt. Vor allem der von Putins Vertrautem Alexej Miller geführte Gasprom-Konzern lässt im Geschäft mit dem Ausland die Muskeln spielen. Das Ziel ist klar: Russland will am lukrativen Geschäft mit dem Endverbraucher in Europa mitverdienen.

Doch weil der Kreml die Wirtschaftspolitik zunehmend für sein Großmachtstreben instrumentalisiert, hält sich die Begeisterung im Westen in Grenzen. Die Briten ließen durchblicken, dass sie Gasprom ungern als Käufer des britischen Gasverteilers Centrica sähen. Auch beim deutschen Energiekonzern Eon bemüht sich Gasprom bisher vergeblich um einen Einstieg bei den Versorgertöchtern. Beim Verhandlungspoker haben die Russen aber einen Trumpf in der Hand. Gasprom lockt mit einer Beteiligung am Gasfeld Juschno-Russkoje, aus dem die neue Ostsee-Gaspipeline gespeist werden soll.

Zur Not wird gedroht

In Russland hat man gelernt, mit den Begehrlichkeiten der Westeuropäer umzugehen. Weil Eon sich weiter zierte, präsentierte man in Moskau eine Offerte des italienischen Versorgers Eni, der angeblich Gasprom an seinen Verteilernetzen in Europa beteiligen will. Zur Not wird gedroht: Wiederholt kündigte etwa Gasprom an, sich andere Absatzmärkte zu erschließen.

Grundsätzlich sind Fusionen und eine damit einhergehende Einbindung der russischen Industrie in die globale Wirtschaft gewollt. Doch der Staat schaut genau hin, wer wann mit wem fusionieren will. Nur kremltreue Großindustrielle dürfen mit der ausländischen Konkurrenz anbandeln, ohne das Schicksal von Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski teilen zu müssen.

Übernahmefieber bereits ausgebrochen

Legt man die nackten Zahlen zugrunde, ist das russische Übernahmefieber im Ausland längst ausgebrochen. Im ersten Quartal 2006 investierte Russland 7,9 Mrd. Euro in andere Länder, knapp 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Blick auf die Zielländer macht jedoch deutlich, dass viele "Investitionen" wohl eine getarnte Kapitalabwanderung sind, denn die Hauptempfänger sind Zypern, die Bahamas und die Jungferninseln. (dpa/Stefan Voß, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2006)

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