Der schlimme Finger

1. Juni 2006, 11:24
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Anfang Juni startet in Kärnten eine große Ausstellung von Gudrun Kampl - ein Interview mit der Objektkünstlerin

Haptische Kunstwerke mit ihrer Aufforderung zum Anfassen sperren sich gegen das Tote und Sterile in der Kunst. Mit Juni startet in Kärnten eine große Ausstellung der Objektkünstlerin Gudrun Kampl. Kerstin Kellermann sprach mit ihr.


dieStandard.at: Schon 1993 begeisterte mich in der Kärntner Landesgalerie Ihre Ausstellung "Mit dem Messer lesen", als Sie diese Bischofsgewänder mit ausgeschnittenen Löchern, Schlitzen und Teilen präsentierten. Aber warum ist Textilkunst insgesamt so unpopulär?

Gudrun Kampl: Traditionell ist ein Stoff weiblich konnotiert, das ist klar. Textilkunst wird weiblich konnotiert und deswegen ist sie per se wertloser, als z.B. Ölmalerei, die männlich zugeordnet wird. Ich arbeite ganz bewusst mit dem Material Stoff, weil mich seine Eigenschaften wie weich, anschmiegsam oder saugfähig interessieren - besonders beim Samt. Das sind alles Eigenschaften, die man Frauen zuordnet. Ich machte schon mein Diplom an der Akademie bei Maria Lassnig auf ganz wertvollen Stoffen, die vom König Hussein von Jordanien stammten - bestickt und bedruckt mit Engeln drauf. Bei der Diplomprüfung waren dann alle männlichen Kunstprofessoren gegen meine Diplomarbeit, obwohl sie hoch aufwendig war. Das kann nicht Kunst sein, behaupteten sie. Es war so ein Aufruhr. Die wollten der Lassnig eins auswischen und das ging gegen eine Stoff-Diplomarbeit noch besser. Da habe ich gemerkt, was für Aggressionen ein Material auslösen kann. Wenn ich bei einer Handarbeitsausstellung mit mache, ist es wurscht, aber wenn ich damit ins Museum will, dann beängstigt sie das.

dieStandard.at: Ist das Angst vorm Fleischlichen, Materiellen, Körperlichen?

Gudrun Kampl: Alles, was in der Kunst steril und hart ist, hat einen Ewigkeitsanspruch, der beim Weichen für die Leute verloren geht. Obwohl eine Leinwand aus Stoff ist. Grabsteine sind aus Stein und nicht aus Stoff. Stoffgrabsteine werden übrigens eine meiner nächsten Ausstellungen werden. Kuschelgrabsteine, Ruhe-Betten, daran arbeite ich. Die Leute bahren sich schon in Samt auf, die letzte Ruhe ist mit tollen wertvollen Stoffen drapiert, aber dann muss alles in Stein sein.
Die Kunst bleibt statt mir erhalten, als Statthalter. So wie große Herrscher Kunst gesammelt und sich damit geschmückt haben. Sie blieben durch ihre Sammlung der Nachwelt erhalten. Dieser Anspruch ist heute nach wie vor da.

dieStandard.at: In der Kunst gibt es doch auch große Traditionen der Körperkunst. Ist die nicht auch klassisch weiblich?

Gudrun Kampl: Diese Tradition ist nicht sehr alt. Die Körpergeschichte fängt ja mit den Aktionisten an und da waren sehr wenig Frauen, trotz Valie Export. Vielleicht war Aktionskunst auch deshalb so spannend, weil die Männer das im öffentlichen Raum gemacht haben. Wenn Frauen diese Aktionen gemacht hätten, hätte man ihnen gesagt, wascht euch doch zu Hause... Ich persönlich arbeite viel mit Innereien, mit geöffneten Körpern. Das Körperinnere als geschlechtsfreier Raum. Bei meiner nächsten Ausstellung arbeite ich mit sozialen Häuten, den "Ruhmes-Hüllen". Da geht es, ausgehend vom Mittelalter, um Kleider als Statthalter. Um die Auswirkungen der Bewertung von Kleidung. Ich mache die Kunstgeschichte damit durch. Da geht es nicht um Macht, sondern um Sicherheit und Wohlbefinden. Ich möchte geachtet werden, man soll mir zuhören, man hält mich warm, man gibt mir zu essen. Wenn ich außerhalb der Norm und den Codes stehe, werden meine Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt. Es gibt ganz klare gesellschaftliche Regelungen. Man muss sich die Spielregeln, den sozialen Rhythmus erarbeiten. Deswegen habe ich das Ornament so gerne.

Mehr über haptische Zeichnungen, Frieda Kahlo und den schmutzigen Finger >>>

dieStandard.at: Im Lentos in Linz läuft gerade eine Textilkunst-Ausstellung, bei der nur Teppiche gezeigt werden und ein Beduinenzelt. Also ganz klassisch, nichts Freches oder Neues.

Gudrun Kampl: Es gibt keinen gescheiten Markt dafür. Das Textilkunst-Museum hat mich nie eingeladen. Leider. Ein Freund verkauft z.B. ethnologische Kunst aus Afrika. Da werden von den afrikanischen Statuen die Haare ab und die Stoffe weg geschnitten, bevor sie auf den Markt kommen. Das lebendige Material kaufen die Leute nicht. Je toter desto lieber! Schlimm! Für meine Objektbilder überziehe ich Naturkartons mit Samt. Es ist eine haptische Zeichnung, also tastbar, angreifbar, mit sinnlichen Zeichnungen. Die ZuschauerInnen wollen das als Echtheitsbeglaubigung immer anfassen. Ölbilder will man nicht angreifen, aber meine Bilder schon. Ich komme mir vor wie eine Ärztin. Diese Arbeiten sind ganz genau operiert, da gibt es kleine Pinzetten, das ist eine ganz kleine, mühsame Arbeit. Ich operiere richtig meine Kleider aus diesem riesigen Samtstoff raus. Nach dem Aderkleid, das an seinen Adern hing, habe ich meine Bilder jetzt ins Zweidimensionale geführt. Alle echten Materialien berühren verstärkt die Emotionen. Anfassen können berührt emotional mehr. Der Tastsinn ist in der Kindheit schon der ausgeprägteste. Das steckt in uns drinnen. Und ich glaube, weil es so eine frühkindliche Geschichte ist, macht es noch Angst. Da assoziiert man das Ausgeliefert-Sein an die Mutter, an die Umwelt. Auch die Art der Kunst, die man kauft, die man sich aufhängt, hat etwas damit zu tun, dass man sie kontrollieren kann. Das Weiche, Nachgebende hat immer dieses Unkontrollierte. Das ist das Beängstigende an dem Material.

dieStandard.at: Ist eine Assoziation nicht auch das Vergängliche, die Verbindung zum Tod?

Gudrun Kampl: Das ist mein nächstes Thema, aber das ist keine Galerie-Ausstellung. Der Tod ist nicht verkäuflich. Die Frieda Kahlo, die sich viel mit Schmerzen auseinander setzte, ist ja auch schon 100 Jahre her. Außerdem machte sie alles verniedlichend auf kleine Bilder. Bei ihr ist alles in Puppengröße. Das berührt die Leute nicht so sehr, da entkommt sie dem Grauslichen schon wieder. Ein bissl grauslich mögen alle, aber bitte nicht zu viel. Und keinen Samt.

dieStandard.at: Dann müsste es aber doch Abwehr gegen die Kirche geben?

Gudrun Kampl: Die Stärke der Kirche kommt ja aus diesem Emotionsspiel. Starke Rituale, viel Ornamente, starke Materialien, um ein Gefühl zu erzeugen. Wir sind in Mutters Schoß, in Mutter Kirche. Das mit dem weichen Material hat für die Kirche total funktioniert. Der liebe Gott ist aber ein Mann. Frieda Kahlo inszenierte sich stark mit diesen mexikanischen Trachten. Sie sah sich als Statthalterin des Volksschmerzes für das unterdrückte Volk der ganzen Mexikanerinnen. Sie umgab sich mit Hüllen, um zu wirken. Sie war eine der ersten Frauen, die von der Vogue in New York aufs Cover gebracht wurde. Sie spielte ganz bewusst mit ihren optischen Inszenierungen.

dieStandard.at: Wie war es, bei Frau Professor Maria Lassnig zu studieren?

Gudrun Kampl: Die Lassnig war eine beinharte Arbeiterin. Sie hat immer gesagt, als Frauen müsst ihr doppelt so viel arbeiten, sonst habt ihr keine Chance. Und leider habe ich das noch intus. Das ganz strenge, immer selbstkritische, nie zufrieden sein. Acht Jahre habe ich das gehört. Mara Mattuschka war in unserer Klasse, die Hohenbüchler-Zwillinge und einer von Gelitin. Man macht ja heute in der Kunst sehr viel Theorie und wenig Kunst. Ich bin aber eine leidenschaftliche Kunstmacherin und eine Materialfetischistin. Im positiven Sinne eine Handwerkerin. Weil einen guten Gedanken hat schnell wer, aber durch die Umsetzung wird etwas erst klar. Ich leide darunter, wenn es nur eine Idee war. Das ist mir zu wenig. Die Haptik ist die Kunst des Begreifens. Das Auge ist ja angeblich der Wahrheit am nächsten, aber am Schluss kommt der schlimme Finger, der schmutzige Finger...

Dieses Interview wurde in den an.schlägen - das feministische Magazin, 6/2006, veröffentlicht.

Link

www.anschlaege.at

Gastautorin Kerstin Kellermann ist Redakteurin der Kunstzeitschrift "art in migration" und ständige Freie beim Augustin.

Gudrun Kampl:
Ruhmeshüllen
Galerie Judith Walker, Schloss Ebenau, Weizelsdorf im Rosental, Kärnten

2. Juni bis 2. Juli
Fr., Sa., So. 14 bis 18 Uhr

Links

Galerie Judith Walker

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Eindrücke mittels Ansichtssache.
  • Artikelbild
    foto: magdalena blaszczuk
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