Verlagshäuser in den USA setzen auf das eBook

6. Juni 2000, 10:59

Angst vor Entwicklung wie in der Musikindustrie

Die großen Buchverleger in den USA haben eine panische Angst, dass es ihnen so geht wie der Musikindustrie. Dort hat das frei kopierbare MP3-Format im vergangenen Jahr eine kaum noch überschaubare Verbreitung von Raubkopien ausgelöst. "Die Bücherbranche schaut voller Entsetzen zu, was in der Musikindustrie geschieht", sagt Dan O'Brien vom Marktforschungsinstitut Forrester Research. Und sie trifft frühzeitig Vorkehrungen, dass es ihnen nicht genauso geht.

Deswegen wollen die Verlagshäuser das eBook, das elektronische Buch, von Anfang an unter ihrer Kontrolle halten. Verschlüsselungstechniken von Microsoft oder Xerox sollen Kopieren und Drucken verhindern - oder zumindest eindämmen. Denn "keine Kopierschutztechnik ist perfekt", wie Microsoft-Manager Dick Brass kürzlich auf einer Veranstaltung mit den Verlagen Random House und Simon and Schuster einräumte. Auch das bisher mit einer halben Million Downloads am meisten verbreitete digitale Buch, die Kurzgeschichte "Riding the Bullet" von Bestsellerautor Stephen King, war zunächst verschlüsselt. Der Code wurde aber schnell von Hackern geknackt. Während "Riding the Bullet" bei Simon and Schuster (http://www.simonandschuster.com) für 2,50 Dollar (5,20 Mark) kostet, wird es an anderen Stellen im Netz frei verteilt.

Eine Partnerschaft mit Microsoft hat Random House geschlossen (http://www.randomhouse.com), das den 450 Seiten starken Roman "Timeline" des Bestsellerautors Michael Crichton bei barnesandnoble.com zum freien Download anbietet - aber nur für Besitzer eines Handheld-Computers mit Windows CE. Mit diesem Pocket PC will Microsoft den Marktführer Palm angreifen. Doch seit dem Start am 19. April sind nach Informationen des Marktforschungsinstituts PC Data erst etwa 10.000 Geräte in den USA verkauft worden - verglichen mit der zehnfachen Zahl von Palm-Computern in der gleichen Zeit.

Einige Beobachter bezweifeln, ob der dicke Roman wirklich als eBook gelesen wird. Auch Autor King meint, dass das Internet zwar für Romane sehr interessant sei, aber das gedruckte Wort und das gebundene Buch nicht ersetzen werde. Die Zukunft für das eBook sehen manche daher nicht in der Belletristik, sondern in der wissenschaftlichen Fachliteratur sowie in Zeitungen und Zeitschriften. Schon jetzt findet man die interessantesten Inhalte für eBook-Reader am virtuellen Zeitungsstand. Dort gibt es unter anderem die "New York Times", das Finanzmagazin "Bloomberg" und - kostenlos - die deutsche Ausgabe der "Financial Times" für das Rocket eBook. (APA/AP)

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