"Gut, wenn sich mehr trauen"

31. Mai 2006, 12:20
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Die Freuden und Leiden lesbischen Daseins zeigt ab Dienstag "The L-Word" - DER STANDARD lud Grünen-Abgeordnete Lunacek zur Vorabkritik

Die Freuden und Leiden lesbischen Daseins zeigt ab kommenden Dienstag die US-Serie "The L-Word" auf ProSieben. der Standard lud Grünen-Abgeordnete Ulrike Lunacek zur Vorabkritik. Ihr Urteil: "Grundsätzlich super."

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Der Pilot sei ja nicht repräsentativ für die Serie. So viel hat Ulrike Lunacek über "The L-Word" schon gehört. Wie Freundinnen ihr berichten, zeige sich die wahre Qualität erst mit Fortdauer der Serie, seien die Charaktere liebevoll gezeichnet, verdichte sich die Handlung. Das Angebot, alle 13 Folgen am Stück zu schauen, lehnt die Grünen-Abgeordnete aber dankend ab: Sie muss noch ins Parlament. Die ersten 90 Minuten "L-Word" genießt sie im Folgenden aber sichtlich.

Morgenstunde in Los Angeles. Zwei Frauen liegen im Bett, sie schlafen. "Das Alltagsleben von Lesben als das Normalste von der Welt darzustellen", findet Lunacek grundsätzlich "super".

"Ich hab' meinen Eisprung", sagt Tina (Laurel Holloman). "Lass uns ein Kind machen", entgegnet ihre Freundin Bette (Jennifer Beals). Sie küssen sich. Lunacek lacht. "Same sex, different city": So bewarb der US-Sender Showtime die Lesbenserie in bewusster Anspielung auf "Sex and the City": Die Protagonistinnen genießen wie Carrie Bradshaw das urbane Leben, sie fahren teure Schlitten, tragen schicke Designermode und sprechen eine mitunter derbe Sprache. Einziger Unterschied: Sie haben Sex mit Frauen. ProSieben startet die erste Saison kommenden Dienstag, um 22.15 Uhr.

Reich und schön

"Sex and the City" war Lunacek "zu reich und wohlhabend". Zu heterofixiert, auf Beziehungen und Liebhaber beschränkt: "Das Leben besteht nicht nur aus Beziehungen wohlhabender Heterofrauen."

Es gebe, so behaupten die Damen aus "The L-Word", ein untrügliches Merkmal, welches auf die sexuelle Orientierung von Frauen hinweise. Lesbisch sei, wessen Ringfinger den Zeigefinger überrage. Lunacek kennt diese Alltagsweisheit und vergleicht schmunzelnd: "Stimmt."

Die Suche nach dem geeigneten Samenspender löst bei Lunacek freilich auch Missfallen aus: "Familie ist für Frauen wichtig, aber sie sollten gleichzeitig auf ihr Einkommen, ihren Job schauen." Nicht so wie Tina, die ihren Beruf aufgibt, um sich ganz der künftigen Mutterschaft widmen zu können.

"Zu gewagt"

Der ORF hatte die Ausstrahlung schon zugesagt, zog aber kurz vorher zurück. Es gebe zurzeit keinen geeigneten Sendeplatz, lautete die offizielle Begründung. "Damit machen sie sich nur lächerlich", sagt Lunacek. "Vielleicht war ihnen die Geschichte mit dem Samenspender zu gewagt", vermutet sie eher.

Alle Prototypen sind versammelt: Die bisexuelle Journalistin, der androgyne Sexmaniac, die Karrieristin oder die schüchterne Heterosexuelle, die vom erotischen Vamp verführt wird. Oder die Tennisspielerin, die sich noch nicht geoutet hat, aus Angst Sponsoren zu verlieren. Solche wie sie gebe es noch zur Genüge, sagt Lunacek. Auch solche, die um ihr berufliches Fortkommen fürchten. "Es wäre gut, wenn sich mehr trauen würden."

Der Vorstellung, dass Lesbe ist, wer "keinen Mann abkriegt", trifft auf "The L-Word" überhaupt nicht zu: Laut Lunacek existiert die Vorstellung "in den Köpfen vieler immer noch". Das lesbische Mannweib? Gebe es tatsächlich, sagt Lunacek. "Aber eben nicht nur." Außerdem sei es "ein Unterschied, wenn ich alles tue, um einem Mann zu gefallen, oder wenn ich mich frage: Was will ich?"

Samenspendersuche

Bette und Tina sind nach der erfolglosen Samenspendersuche frustriert. Die punkige Friseuse Shane (Katherine Moenning) erklärt den Grund, warum niemand Vater eines Kindes mit zwei Müttern werden will: "Das ist der typische neue Mann. Der neue Mann ist einfach spiritueller als der alte. Er sieht sein Sperma als Erweiterung seines Wesens. Während der alte Mann einfach in jede Frau reinspritzt ohne sich Gedanken zu machen. Der neue Mann will wissen, was mit seinem Samen geschieht." Ist das wirklich so? Lunacek lacht: "Ich befürchte nicht." - "Das bringen sie dir auf der Friseurfachschule bei", ätzt denn auch Tennisspielerin Dana (Erin Daniels).

Lunacek resümiert: Am besten gefällt ihr Alice (Leisha Haley), die blonde Journalistin: "Sie hat Pepp und Humor." Die Serie werde ihr Publikum finden, weil sie lesbischen Alltag darstelle, glaubt Lunacek: "Zwei Drittel der Österreicher finden, es soll die Gleichstellung homosexueller Paare geben, da ist schon sehr viel Akzeptanz und Toleranz da." Und sonst? "Die Sexszenen werden allen gefallen." (Doris Priesching/DER STANDRAD, Printausgabe, 27./28.5.2006)

  • "Vielleicht war das dem ORF zu gewagt", mutmaßt STANDARD-Vorabkritikerin Ulrike Lunacek beim Schauen der Lesbenserie "The L-Word".
    foto: der standard/regine hendrich
    "Vielleicht war das dem ORF zu gewagt", mutmaßt STANDARD-Vorabkritikerin Ulrike Lunacek beim Schauen der Lesbenserie "The L-Word".
  • "The L Word - Wenn Frauen Frauen lieben": Sind auf der Suche nach einem passenden Samenspender: Tina (Laurel Holloman, r.) und Bette (Jennifer Beals, l.).
    foto: prosieben
    "The L Word - Wenn Frauen Frauen lieben": Sind auf der Suche nach einem passenden Samenspender: Tina (Laurel Holloman, r.) und Bette (Jennifer Beals, l.).
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