Weniger Suizide bei Jugendlichen

12. Juni 2006, 16:21
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Umfassende Studie für Wien: Buben greifen immer häufiger zu Schusswaffen

Wien - Die Zahl der Suizide von Wiener Kindern und Jugendlichen im Alter bis zu 19 Jahren ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs enorm gesunken. Setzten von 1945 bis 1950 insgesamt 110 Kinder und Jugendliche ihrem Leben selbst ein Ende, waren es von 2001 bis 2005 noch 20. Dies ist das Ergebnis einer der größten Suizidstudien für Wien, die eine Forschergruppe um Kanita Dervic von der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie der Medizinuniversität Wien durchgeführt hat. Die Arbeit wurde nun in der Wiener Klinischen Wochenschrift veröffentlicht.

Ziel der Studie war es auch, dahinter zu kommen, welche Methoden gewählt wurden - um Präventionsmodelle entwickeln zu können. In dieser Hinsicht fanden die Wissenschafter heraus, dass in jüngster Zeit immer häufiger zu Schusswaffen gegriffen wird.

Buben bringen sich weit häufiger um

Seit 1946 brachten sich in Wien insgesamt 690 Kinder und Jugendliche um - knapp 37 Prozent waren Mädchen. Gut 87 Prozent waren 15- bis 19 Jahre alt, rund zwölf Prozent zehn bis 14 Jahre, ein Prozent unter neun Jahren.

Nicht nur die Zahlen haben sich stark verändert, auch die Methoden. Das häufigste Suizidmittel war früher Haushaltsgas - bis zur Entgiftung des Stadtgases. Ab 1976 wurden die Suizide durch Sturz aus der Höhe zur vorherrschenden Methode. Seit 1996 haben sich Suizide durch Erschießen unter Buben verdoppelt; bei Mädchen haben sich Suizide durch Sturz aus der Höhe verdreifacht.

Krisenzeit Zeugnisverteilung

Ein häufigeres Vorkommen von Suiziden unter Minderjährigen konnten die Forscher in den Monaten Jänner, Juni, Oktober und Dezember beobachten. Wobei die Zeit rund um die Zeugnisverteilung ein besonderes Risiko darstellt.

Der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich stellt dazu fest, dass der Rückgang der Suizidzahlen in Wien zwar erfreulicherweise dem internationalen Trend entgegen läuft, diese Bilanz aber nur durch gesellschaftliche und politische Prävention erreicht werden konnte. Jetzt müsse etwa verhindert werden, dass Jugendliche vor Erreichung der Großjährigkeit einen Zugang zu Feuerwaffen erhalten.

Als häufigste Risikofaktoren für Suizid im Kindes- und Jugendalter gelten Depressionen, Substanzabhängigkeit, aggressive und impulsive Persönlichkeitsstörungen sowie sexueller und/oder physischer Missbrauch. Dazu kommen psychosoziale Risikofaktoren wie schulischer Stress, Mobbing, Straffälligkeit, gestörte Eltern-Kind-Kommunikation sowie psychopathologische Auffälligkeiten der Eltern. (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe, 27./28.05.2006)

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