"L'enfant endormi": Wünsche in der Warteschleife

28. Mai 2006, 00:11
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"L'enfant endormi": Ruhige Bilder von der zunehmenden Enge in einem weiten Raum

Wien - Die Ansiedlung der Berber besteht aus nicht mehr als ein paar einfachen Hütten, die von einem kurzen Gehweg voneinander getrennt liegen. Um sie herum dehnt sich die trockene Steppe des Hinterlands Marokkos aus. So abgelegen das Dorf auch wirkt, ihre autarke Lebensweise haben die Menschen hier schon aufgegeben. Um ihre Familien zu ernähren, treten die Männer den gefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa an. Jene, die es überhaupt bis dorthin schaffen, finden dann allenfalls als Tagelöhner Beschäftigung.

Die marokkanische Filmemacherin Yasmine Kassari hat über die Arbeitsmigration aus Afrika bereits 1999 einen Dokumentarfilm gedreht. In "Quand les hommes pleurent" erzählen die Geflüchteten von ihren Motivationen, die Heimat zu verlassen, von ihren überhöhten Erwartungen und den Depressionen, in die sie in Südspanien verfielen. L'enfant endormi, Kassaris erster Spielfilm, nimmt dazu die entgegengesetzte Perspektive ein und verharrt mit den Frauen am Ursprungsort. Das Warten auf die Rückkehr der Männer, ihre Sorge, Einsamkeit und wachsende Unzufriedenheit rücken damit in den Mittelpunkt des Films.

Es ist der Blick zweier Freundinnen, über den man in den Alltag der Gemeinde hineinfindet und dabei vor allem von Entbehrungen der Frauen erfährt. Zeinabs (Mounia Osfour) Hochzeitsritual steht am Anfang des Films. Ihr Mann wird sie schon am nächsten Morgen gen Europa verlassen, was sie zunächst verhaltener erduldet als Halima (Rachida Brakni), die sich energischer gegen die engen Grenzen auflehnt, in die sie die soziale Ordnung der Gemeinschaft zwängt. Das Bild der ihrem Mann ergebenen Frau bleibt nämlich auch bestimmend, wenn dieser abwesend ist.

Kassari behilft sich mit einem Mythos, um diesen Zustand der Erstarrung zum Ausdruck zu bringen. Als Zeinabs Schwangerschaft offensichtlich wird, trägt sie das Kind nicht aus, sondern wird gezwungen, es mit Hilfe eines Magiers in Schlaf zu versetzen - solange, bis ihr Mann zurückgekehrt ist. Die Tradition bricht sich hier jedoch an den Bedingungen einer globalisierten Moderne. In Videos erhalten die Frauen Nachrichten ihrer Männer, aus denen sie erfahren, dass sie immer noch keine Jobs haben.

"L'enfant endormi" erzählt in ruhigen Bildern von der zunehmenden Enge in einem weiten Raum. Die Landschaft erscheint irgendwann selbst als Hindernis, weil die Figuren kaum Rückzugsmöglichkeiten haben - konsequenterweise sind sie meist in größere Ausschnitte eingefügt, ganz selten nur für sich allein.

So beharrlich der Film Alltagsverrichtungen beschreibt - und dabei auch der Rolle der Mutter einen hohen Stellenwert einräumt -, so sublim arbeitet er mit der Zeit auch mögliche Widerstandsmanöver der Frauen heraus. Die Aneignung einer Videokamera, mit der Zeinab und Halima ihren Männern antworten, bedeutet hier schon einen politischen Schritt - weniger zueinander als in die Selbstbestimmung. (DER STANDARD, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Artikelbild
    foto: filmverleih
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