Am Strand von "Bad Ischl"

7. Juni 2006, 16:08
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Das kroatische Abbazia versucht die habsburgische Sommerfrische zu recyclen

Aus Titos Paradies der Werktätigen ließ er sich nicht vertreiben und auch der jugoslawische Bruderkrieg konnte dem alte Kaiser Franz Joseph nichts anhaben. Und mit ihm blieb in Abbazia/Opatija die Erinnerung an die Habsburger-Doppelmonarchie, die dem einst mondänen Kurort an der k.u.k. Riviera ein goldenes Zeitalter beschert, diesen überhaupt erst erfunden hatte.

Und so heißt der berühmte "Lungomare", der sich entlang der Adria von Volosko über Abbazia bis Lovran schlängelt, heute wieder "Kaiser-Franz Joseph-Promenade". Fast der gesamte Erb- und Geldadel der Monarchie lustwandelte hier. Und natürlich auch der Kaiser und seine exaltierte Sisi - die allerdings inkognito, weil ihr Abbazia einfach zu nahe an Wien lag. Sozusagen Bad Ischl an der Adria. Ein Treffpunkt von Königen, Potentaten und Künstlern aus ganz Europa.

Komfort-Villen

Auf Schritt und Tritt begegnen einem die Spuren der Vergangenheit. Etwa in den zahlreichen Kaffeehäusern, den prachtvollen Hotels und Villen des Fin de Siècle, eingebettet in exotisch inspirierte Parklandschaften, die nach und nach um die Villa Angiolina entstanden, der anmutigen Ahnherrin des Fremdenverkehrs in Abbazia. Die meisten der alten, liebevoll renovierten Hotelpaläste, wie etwa das Kvarner, Imperial, Bristol oder Adriatic präsentieren sich heute mit neuem, zeitgemäßem Komfort.

Zur neuen Hotelgeneration, aber deshalb nicht minder traditionsbewusst, zählt das Viersterne-Luxus-Ressort Miramar. Das Stammhaus, die ehemalige Villa Neptun, dem Triestiner Traumschloss des unglücklichen Maximilian von Mexiko nachempfunden, wurde behutsam erhalten. Zu den Spezialitäten des Hauses zählt heute die exquisite Wellness-Oase mit breit gefächertem Therapieangebot.

Inmitten verwilderter, verträumter Gärten warten alte Villen noch darauf, nach langen Jahren der Verwahrlosung aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Eine, die bereits wachgeküsst wurde, ist die Villa Astra in Lovran, dem Dorf, wo einst die Lorbeerhaine am üppigsten gediehen. Die im strahlendsten Schönbrunnergelb gehaltene Villa, ein kleines Baujuwel des venezianischen Historismus, beherbergt heute sechs detailverliebt renovierte Suiten, Seminarräume und ein Gourmetrestaurant. Auch hier lächelt der alte Kaiser von den Wänden, ein wenig amüsiert ob des Habsburg-Recyclings.

Der Villen-Besitzer, Vjeskoslav Martinko, ist die Personifikation des Mitteleuropäers altösterreichischer Prägung und selbstbewusster Kroate. "Es geht nicht um Nostalgie", sagt er, "sondern um das Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln." Und dazu gehört in den Regionen Istrien und Kvarner auch das bunte Völkergemisch Mitteleuropas, das die Habsburger-Monarchie prägte: Kroaten, Italiener, Slowenen, deutschsprachige Österreicher, dazu Griechen, Juden, Armenier und Rumänen, die so genannten Tschitschen, die am "Tschitschenboden" leben, der den kalten Norden vom milden Küstenland trennt. Heute noch ist man hier überall viersprachig.

Der duftende Berg

Wer dem fröhlichen Trubel an der Küste entkommen will, kann sich in die Bergregion, den Gorski Kotar, zurückziehen, der steil zur Küste hin, dem Primorje, abfällt. Im Bergland wächst eine urtümliche Flora, die sonst nirgendwo mehr zu finden ist: wilde Kirschen und Maronen etwa. Hoch über der Kvarner Bucht liegt das Landhaus Oraj (das man mieten kann) unweit des Berges Ucka. Thymian, Salbei, Lorbeer und Rosmarin vereinigen sich hier mit den Blüten eines Granatapfelbaums zu einer Symphonie an Düften, wie man sie auch aus der Kvarner Küche kennt. Wilder Spargel gedeiht wie Unkraut am Wegrand. Wer den steilen Weg hinab zu einem Felsvorsprung nicht scheut, wird mit einem atemberaubenden Panorama belohnt. Rechts die rauen Berge des Karsts, links die ehemals ungarische Hafenstadt Rijeka/Fiume/Reka und dazwischen im Dunstschleier die Inseln Cres und Krk, wo Odysseus dem Zauber der Circe erlegen sein soll. "Der Kvarner ist, wo Mitteleuropa die Adria trifft", so Herr Martinko "und Abbazia ist sein Herz." (Der Standard, Printausgabe 27./28.5.2006)

Von Elisabeth Steiner

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Hotel Miramar

Opatija
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