Die Schirmherrschaft der Malatesta

3. Juli 2006, 23:25
posten

Ein wunderbar zurückhaltendes Stück Italien versteckt sich hier im Schatten der Adria

Oliven- und Kastanienhaine ziehen über die Hügelketten der Signoria dei Malatesta, dichte Eichen- und Buchenwälder legen ihr grünes Kleid über die Berge, Weinreben säumen die Hänge, Wiesen und Felder klingen in den Tälern hinter Rimini aus. Auf den Kuppen und felsigen Vorsprüngen hocken kleine, mittelalterliche Ortschaften. Es sind gut befestigte Burgdörfer, die ihre Turmspitzen selbstbewusst gen Himmel recken. Zeugnisse der Macht des Herrschgeschlechts der Malatesta, die hier im Mittealter ihr Zepter schwangen.

Wer sich heute auf ein Fahrrad schwingt, wird das auf einer circa 150 Kilometer langen Route durch die Signoria selbst erfahren. Etwas Kondition sollte man schon mitbringen, denn bei so manchem steilen Anstieg hinauf zu den herrschaftlichen Turmhäusern wird man schon einmal Puddingbeine kriegen. Wer bei Pudding an lukullische Genüsse denkt, kann beruhigt sein. Die Tour entpuppt sich als Wanderung von Dorffest zu Dorffest, wo man ausgiebig Gelegenheit hat, die Spezialitäten der Region zu kosten.

Schon die Malatesta wussten um die Schönheit der Signoria und wollten ihr Land, das bei so manchem Nachbarn, namentlich den Borgia und den Montefeltro, besitzergreifende Gelüste erweckte, um keinen Preis hergeben. Sigismondo Pandolfo, der berühmteste Spross der Herrschersippe, ließ an allen Ecken und Enden der Region Burgen, Festungen, Kastelle und Schlösser errichten.

Ausgangspunkt unserer Burgenfahrt ist der Tempio Malatestiano von Rimini. Ein sakraler und zugleich profaner Bau, mit dem Sigismondo dem Heiligen Franz, sich selbst und seiner geliebten Isolde ein Denkmal zu setzten gedachte, was Papst Pius II. dazu bewegte, den anmaßenden Signor Malatesta zu exkommunizieren und zu verbrennen. Die Pedecollinare, die Straße zu Füßen der Hügeln, entlang geht der Weg nordwestwärts nach Santarcangelo. Das Dorf liegt auf dem "Colle Giove", einem Hügel aus Tuffstein, der von Grotten und über hundert Stollen unterhöhlt ist, die eine unterirische Stadt formen. Die Bestimmung der Höhlen ist bis heute nicht geklärt. Überliefert ist hingegen die Technik des Rostdrucks, mit der noch heute in der antiken Färberei Stoffe bedruckt werden.

Malatesta-Hochburg

Im Herzen des Marecchia-Tals liegt Verucchio. Imposant und unnahbar thront die Felsburg auf einem mächtigen Zacken. Von hier aus schaute einst Mastin il Vecchio, der Stammesvater der Malatesta, über das Land. Das Dorf gilt als Wiege des Herrschergeschlechts und ehrt dasselbige alljährlich und ausgiebig im August mit den Malatesta- Tagen. In den festlich geschmückten Gassen wird das Mittelalter wieder lebendig. Vieh- und Pferdekarren rollen über die Pflastersteine, gestiefelt und gespornt begleiten Ritter Burgfräulein zu Banketten, an denen kulinarische Köstlichkeiten vergangener Jahrhunderte, frisch zubereitet, serviert werden: Cappelletti, mit Ricotta, Fleisch und Parmesan gefüllte, in Brühe gekochte Teighütchen. Oder Piada, das typisch romganolische Fladenbrot mit Formaggio di Fossa, dem lang gelagerten, herzhaften Grubenkäse, zu dem der rote Sangiovese vorzüglich mundet.

Südwärts geht die Fahrt auf von wilden Orchideen gesäumten Wegen. Vor uns erhebt sich das Drei-Zacken-Profil von San Marino, der Zwergrepublik auf dem Monte Titano, die seit über 1700 Jahren ihre Unabhängigkeit bewahrt. Dahinter öffnet sich das liebliche Tal der Conca, in dem Ölbäume und Rebstöcke in feinen Linien über die Hügel perlen, Weizenfelder und Weideland Muster bilden.

Post für Sigismondo

Das Dorf Montescudo war schon zu Zeiten der Römer ein strategisch wichtiger Ort. Es war die erste Poststation auf dem weiten Weg von Rimini nach Rom. Sigismondo Malatesta verwandelte es in eine Festung, die als "Schutzschild" Unbefugten den Zutritt in "ihr" Land verwehren sollte. Die Reste der hohen Mauern und der mächtige Wachturm verfehlen auch heute ihre einschüchternde Wirkung nicht. Eine steile Abfahrt bringt uns bis nach Gemmano, berühmt für seine Grotten von Onferno, die Dante bei der Dichtung des Inferno in seiner "Göttlichen Komödie" vor Augen gehabt haben soll.

Wie harmonisch Gegenwart und Vergangenheit in der Signoria der Malatesta zusammenfinden, beweist der Ort Montegridolfo. Der Weg ins Zentrum führt unter einem mittelalterlichen Torturm hindurch, der sich heute wieder genauso erhebt wie er 1338 von den Malatesta errichtet wurde. Das gilt für das ganze Dorf, das die Modeschöpferin Alberta Ferretti 1994 mit Unterstützung der Gemeinde und der Region Emilia Romagna vollständig hat restaurieren lassen.

An milden Sommerabenden erklingt klassische Musik durch den Ort, denn mit der Sanierung wurde auch eine Musikakademie ins Leben gerufen, die von Gustav Kuhn geleitet wird. In der Inneneinrichtung von Palazzo Viviani, heute ein Hotel de charme, hat Alberta Ferretti kleine Abweichung vom rauen Malatesta-Stil zugunsten eleganter Suiten und eines Feinschmeckerlokals zugelassen. Nirgendwo sonst sind Riminis Sonnenschirme wohl ferner. (Der Standard, Printausgabe 27./28.5.2006)

Von Eva Clausen

Info

Enit
  • Artikelbild
    assessorato al turismo della provincia di rimini/v. raggi
Share if you care.