Wenn Wurzeln aus den Ästen wachsen

2. Juni 2006, 12:47
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In seinem jüngsten Buch "Zwei Leben" erzählt der indische Autor Vikram Seth die Lebensgeschichte seines Großonkels, des Zahnarztes Shanti Seth

Wien - Sein Deutsch ist fehler-und nahezu akzentfrei. Romane verfasst Vikram Seth in Englisch. Rund zehn Jahre hindurch lebte und studierte er in London und Oxford, ebenso lange in Kalifornien. Für zwei Jahre schrieb er sich an einer Universität in China ein, erlernte die chinesische Sprache. Seither übersetzt er chinesische Lyrik - ins Englische.

Sein Schwager Peter, der Mann seiner Schwester, der eben am Handy anruft, ist Österreicher. Michael Holme, der Protagonist seines vorletzten Romans, Verwandte Stimmen, spielt die Zweite Geige in einem Londoner Streichquartett. Ein Großteil des Vierhundert-Seiten-Buchs widmet sich der Reflexion über die Musik Haydns, Beethovens und Bachs.

London statt Bombay, Geige, Bratsche und Cello statt Tabla und Sitar, Christentum statt Hinduismus. Was also ist das Indische an der "indischen Literatur" des 1952 in Kalkutta geborenen Vikram Seth? Eine Frage, die er sichtlich wenig schätzt und unter dem hiesigen Drang zu vereinfachender Klarheit verbucht. Vielleicht liegt bereits darin eine erste Antwort. Eine zweite formuliert er bildhaft.

"Denken Sie an den Menschen nicht immer als Linden-oder Eichenbaum. Das ist so, als ob ein Baum nur einen Stamm haben könnte. Aber in Indien wachsen die Banyans, die vielstämmig sind. Welcher ihrer Stämme der Hauptstamm ist, ist nicht immer zu entdecken. Von den Ästen ausgehend, bilden sich neue Wurzeln. Diese hängen herab und verankern sich erneut im Boden. So bilden sich neue Stämme. Auch Menschen können viele Stämme haben, ohne ihre Wurzeln zu verlieren."

Der Erforschung mancher der Wurzeln (oder Stämme? - die Kategorien beginnen bereits, sich zu verwirren) seines Lebens widmete Vikram Seth sein jüngstes, stark autobiografisch gefärbtes Buch Zwei Leben. Porträt einer Liebe, das nun im Fischer Verlag in der Übersetzung von Anette Grube auf Deutsch erschienen ist.

Berlin, Dreißigerjahre

Der indische Student, der Anfang der Dreißigerjahre, reichlich verloren, am Berliner Bahnhof Friedrichstraße steht, ohne ein Wort Deutsch, ohne Geld und ohne Wohnung, heißt Shanti Seth. Aus Kalkutta kam er nach Berlin, Zahnmedizin zu studieren, an einer der besten Fakultäten ihres Fachs in Europa.

Bald wird er erste Sprachkenntnisse erworben haben - in Deutsch und in Latein, ohne das kein Medizinstudium möglich ist - und ein schönes Zimmer in Charlottenburg, in der geräumigen Wohnung einer Witwe mit zwei Töchtern und einem Sohn. Er wird aufgenommen werden im Freundeskreis dieser Familie Caro, an sommerlichen Bootsausflügen teilnehmen auf dem Sacrower See. Ein Idyll, das nicht lange währt: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwingt ihn, den Ausländer (der zwar Arier sein müsste nach den seltsamen genealogischen Verschlingungen der Ideologie, doch ein Arier mit brauner Haut), nach England zu emigrieren.

Im Krieg wird er seinen rechten Arm verlieren, wird lernen, mit der Armprothese seinen Zahnarztberuf meisterlich auszuüben. Später, 1951, wird er Henny heiraten, die jüngere Tochter der Witwe Caro - mit ihrem Bruder die einzige Überlebende der jüdischen Familie. Achtunddreißig Jahre wird die Ehe halten.

London, Fünfzigerjahre

Shanti Seth, gestorben 1998, war der Großonkel Vikram Seths. Sieben Jahre wohnte dieser, als Student, im kinderlosen Haushalt der beiden in London. Einem Hinweis seiner Mutter folgend, begann er, seinen hochbetagten Onkel nach Hennys Tod über sein bewegtes Leben zu interviewen. Die im Originalton zitierten Protokolle dieser Gespräche sowie ein Konvolut an Briefen, Postkarten und Fotografien aus dem Nachlass Hennys bilden das Zentrum der Familienchronik, in welcher sich Seth behutsam entlang der Lebensfäden des Paares durch die Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert bewegt.

Zumal die Briefe Hennys, die liebevoll-herben Postkarten, mit denen sie Vikram, ihrem "Söhnchen", von den täglichen Begebenheiten des Hauses berichtet, zeichnen das Bild eines Lebens nach dem Holocaust, in welchem das Gespräch über die Vergangenheit ebenso entschieden fehlt wie Shantis Arm. Gerade aus den unprätentiösen Schilderungen des Alltags aber entsteht vor allem jenes Porträt einer Liebe, das dem Buch nicht nur aus Werbezwecken zum Untertitel dient, wie Seth im Gespräch unterstreicht.

"Tolstoi hat gesagt: Glückliche Familien sind alle gleich - nur die unglücklichen Familien sind alle verschieden. Ich glaube, das ist nicht ganz richtig. Auch glückliche Ehen kommen in allen möglichen Erscheinungsformen vor: Sie können auf wildem Sex basieren, vom Alter von zwanzig bis zum Alter von achtzig Jahren. Oder sie können darauf basieren, dass jemand vom Büro heimkommt und sagt: ,Liebling, ich habe meinen Kugelschreiber verloren - und meine Sekretärin hat mir später diesen hier besorgt'. . ."

Chronist der Vielfalt

". . . Oder wie die von Onkel Shanti und Tante Henny, die über die allerwichtigsten Dinge nicht sprachen - über den Tod ihrer Schwester in Birkenau. Und dennoch schrieb Henny im Brief an einen Freund: ,Ich möchte Shanti heiraten, denn er versteht, was ich durchmache, besser als jeder andere.' Da ist er wieder, der Banyan-Baum. Für das Glück existiert kein Standard-Rezept. Es gibt eine solche Vielfalt an Menschenleben ..." (DER STANDARD, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von
Cornelia Niedermeier

Vikram Seth
"Zwei Leben. Porträt einer Liebe"
22,90 €
533 Seiten
Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2006 derStandard.at/Literatur
  • "Der Mensch ist kein Lindenbaum. In Indien gibt es Banyans - Bäume mit vielen Stämmen": Autor Vikram Seth.
    foto: newald

    "Der Mensch ist kein Lindenbaum. In Indien gibt es Banyans - Bäume mit vielen Stämmen": Autor Vikram Seth.

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