Analyse: Kutscher kann a jeder wer’n . . .

12. Juni 2006, 16:21
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Verein gegen Tierfabriken dokumentierte schwere Haltungsmängel bei den Wiener Fiakerpferden - Das Problem geht tiefer, meint Andrea Dee

Das steigende Verkehrsaufkommen in Wien mit Abgas- und Feinstaubbelastung, Stau- und Lärmstress wird von vielen Seiten beklagt, doch nicht nur menschliche Wiener leiden in der Verkehrshölle. In den letzten Jahren hat – gefördert durch die „Liberalisierung“ auch in diesem Bereich – die Zahl der Fiaker zugenommen: 30 bis 40 Gespanne warten allein in der Wiener Innenstadt auf Kunden.

Verletzungen durch "Pooh-Bags"

Alle Jahre wieder protestieren Tierschützer dagegen, dass die Pferde vor allem in der Sommerhitze zu leiden haben: Die Errichtung schützender Sonnendächer wurde bisher aus Gründen des Denkmalschutzes von öffentlicher Seite verhindert – dafür hat man den „Pooh-Bag“ durchgesetzt, obwohl die Plastiktaschen die Pferde irritieren und auch zu Scheuerverletzungen führen können. Hygiene, oder was man von öffentlicher Seite dafür hält, geht eben vor: Wenn es „stinkt“ in Wien, dann bitte nach Auto und nicht nach Pferd.

Sinnvoller als der Pooh-Bag wäre allerdings ein Stopp der fiakerlichen Aktivitäten in Wiens Innenstadt gewesen: Denn das Kutschenziehen in Stau, Verkehrslärm und Benzingestank ist in jeder Hinsicht Tierquälerei. Auch die Unterbringung der Tiere ist offensichtlich kein Thema für die Behörden: Der Verein gegen Tierfabriken hat allerdings vor Kurzem einen Lokalaugenschein in den Stallungen von 14 Fiakerbetrieben durchgeführt und bei zehn Betrieben Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Bundestierschutzgesetz erstattet. Die beanstandeten Mängel: Anbindehaltung, keine Auslaufmöglichkeiten, zu wenig Licht, fehlende Tränkevorrichtungen oder Einstreu, Abschürfungen wegen schlecht angepasstem Geschirr.

Preisdumping auf dem Pferdemarkt

Verständlich, dass die Fiakerbetriebe nur das Notwendigste investieren: Ein „Geschäft“ ist mit dem Kutschenfahren bei langen Stehzeiten und Fahrtkosten ab 40 Euro nicht leicht zu machen. Billig sind nur die Pferde: Fällt eines aus, kann es durch günstige Importe aus den ehemaligen Ostblockländern rasch ersetzt werden – auf dem Pferdemarkt brachte die Osterweiterung ein Preisdumping.

Vonseiten des Tierschutzes sind Fiaker im Wiener Verkehrsgewühl eigentlich schon seit Jahrzehnten inakzeptabel – denkbar wäre ein Kutschbetrieb höchstens in Grüngebieten wie Schönbrunn oder dem Prater. Doch der „Pooh-Bag“ blieb bislang die einzige öffentliche Aktivität in Sachen „Kutschpferd in Wien“. Und ansonsten wirbt die Stadt Wien auf ihrer Internetseite sogar für die „Fahrt durch die Wiener Altstadt wie zu Kaisers Zeiten“. (DER STANDARD Printausgabe, 27./28.05.2006)

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VGT
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    foto: standard/cremer
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