Coole Sonnenbrille

1. Juni 2006, 17:06
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Gut sehen und gut aussehen, quasi eine Entscheidung in einem Tunnel

Eine der schwierigsten Aufgaben, vor die ein Konsument gestellt sein kann, ist die Auswahl einer optischen Sonnenbrille. Der Kunde muss sich quasi in einem Tunnel entscheiden, womit vor Augen er gleichzeitig gut aussieht und gut sehen würde, würde er scharf sehen (was beim Probieren nie der Fall ist).

Kein Wunder, dass der Sonnenbrillenverkauf in der Hand von Spitzenpsychologen ist. Unlängst erwischte mich eine sicher mehrfach diplomierte Betreuerin beim Gustieren. "Die passt Ihnen cool!", rief sie mir zu. Ich: "Ehrlich? Ich find sie scheußlich." - "Na ja, okay", gesteht sie (und unterdrückt einen spontanen Übelkeitsausbruch): "Da hab ich noch was viel Cooleres." Sagt es, hängt mir eine Art Skibrille auf die Ohren und blinzelt mich entzückt an. "Viel zu groß", sage ich. Jetzt erkennt sie es auch: "Weniger sportlich passt Ihnen cooler." Ich meine, weniger cool passt mir vielleicht besser.

Daraufhin bringt sie mir ein Modell, das zuletzt 1982 auf der Nase von Ray Charles zu sehen war. "Eher klassisch cool", sagt sie mit leichtem Würgeton. "Aber da hab ich noch was viel Cooleres . . ." Das siebente Coole nahm ich widerspruchslos. Die Wahrheit werden wir Sonnenbrillenträger ohnehin nie erfahren.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 27/28.5.2006)

Von
Daniel Glattauer
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