Kampffeld Körper

19. Juli 2006, 14:00
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Wenn die Haut zum Austragungsort gesellschaftlicher Kämpfe wird, geht es um Rollenmuster, Machtverhältnisse und um Identität

Einst wurde er verehrt und angebetet, in Schönheit und Vollkommenheit gemalt, gezeichnet und moduliert. Jetzt ist er zum Schlachtfeld geworden, auf den geschrieben, in den hineingeritzt wird: der Körper, und zwar vor allem der weibliche. "Da wo Frauen sterben bin ich hellwach" war 1993 auf der Titelseite des Süddeutsche-Zeitung-Magazins zu lesen, eines der Werke von Jenny Holzer, die sie für das Magazin entworfen hatte: schockierende Sätze, die mit Tinte und Blut auf die Haut geschrieben und in extremer Nahaufnahme fotografiert sind, eine Reihe "Täter", die andere "Opfer". Thema und Titel: "Lustmord".

Es ist ein ungemein brachialer Akt, direkt‑ auf die Haut zu schreiben, und dabei ist es fast zweitrangig, ob es unter die Haut als Tattoo, auf die Haut mit Tinte oder auf die Fotografie einer beschrifteten Körperstelle geht – unsere Bereitschaft des Mitempfindens, ein emphatischer Schmerz steht immer bereit, wenn es um die Haut geht. Denn unsere Haut ist eine heikle Zone, Grenze zwischen Innen- und Außenwelt, zuständig für die Wärmeregulierung und maßgeblicher Schutz vor der Außenwelt. Mit gut zwei Quadratmetern ist die Haut unser größtes Sinnesorgan und zugleich schon immer eine Leinwand zur Selbstdarstellung gewesen.

Zugehörigkeit

Das Einritzen in die Haut ist eine der ältesten Schmuck- und Kommunikationsformen. Tätowierungen dienten und dienen dazu, ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten zu demonstrieren, sich selbst zu individualisieren, andere zu stigmatisieren oder als Kampfbemalung Gegner einzuschüchtern – was noch heute von Sportfans praktiziert wird. "Tätowierungen interpretieren menschliche Haut als Schreib- und Malfläche", schrieb der deutsche Konzeptkünstler Timm Ulrichs bereits 1974 und ritzte sich "The End" auf das Augenlid. Schreiben" leitet sich sprachgeschichtlich von lateinisch "scribere", ritzen, her. "Auf den Leib geschrieben", nannten Brigitte Huck und Monika Faber 1995 ihre Ausstellung in der Kunsthalle Wien mit elf Künstlerinnen, die Körper nutzten, meist nackte und meist ihren eigenen, um über das Rollenverständnis von Frauen in unserer Gesellschaft zu sprechen. Das hat seit den 60ern im Aktionismus und in der Body-Art eine ausgeprägte Tradition, der eigene Körper wurde damals als Hauptdarsteller, als Material und als Arbeitsfeld eines Dramas namens "Gesellschaft" entdeckt – provozierend und selbstverletzend wie bei den Wiener Aktionisten, bis hin zum Träger feministischer Botschaften bei Yvonne Rainer und Carolee Schneemann. Es war ein nonverbales Drama, das aufklären, aufrütteln, schockieren sollte. Erst in den 70ern kommen die Worte ins Spiel, auf die Haut geschrieben: Die österreichische Künstlerin Birgit Jürgenssen schreibt "Jeder hat seine eigene Ansicht" mit Lehm auf ihren Rücken, und die italienische Künstlerin Ketty La Rocca kritzelt unermüdlich "you" in die Fotografie von ihren Fingern und Handrücken. "Sehen" als Wahrnehmungsweise der bildenden Kunst wird ergänzt durch "Lesen", Schrift ruft als Zitat die Wirklichkeit an, ist Ornament und Appell.

Ist es bei La Rocca wie ein privater Aufschrei ins Ungewisse, so adressiert Shirin Neshat mit verführerischen Bildern einen ganzen Kulturkreis. "Ich versuche, dem Körper eine Stimme zu geben", erklärt sie in einem Interview zu ihrer Serie Women of Allah von 1993. Neshat, 1957 im Iran geboren und mit sechzehn Jahren nach Kalifornien ausgewandert, schreibt auf jene wenigen Stellen, die in den Fotografien einer verhüllten Frau sichtbar sind: Hände, Fußsohlen, das Gesicht und sogar das Weiß des Auges sind von Texten iranischer Frauen überzogen, "die sich durch ihr literarisches Schaffen geweigert haben zu verschwinden oder zu schweigen, wie man es von ihnen erwartet hätte". Feine Kalligrafie, wie in Stein gemeißelt, dekorativ und doch voller Sprengkraft sind Neshats Angriffe auf den zeitgenössischen Islam, die wir verstehen, auch wenn wir die Worte nicht lesen, die Sprache nicht sprechen können. Und immer ist es ihr eigener Körper. "Der Einsatz meines Körpers schien mir irgendwie eine gewisse Intimität zu garantieren", sagt sie, "etwas Propagandistisches oder Dokumentarisches zu verhindern."

Diese Mischung aus Intimität und Neutralität lässt Schrift auf der Haut so eindringlich werden. Jenny Holzers "Lustmord"-Texte sind schon im Buch heftig, "Die Farbe ihrer Innenansicht reizt mich sie zu töten" oder "Ich versuche mich selbst zu erregen. Das betäubt mich". Auf der Haut, wenn auch nur geschrieben und nicht geritzt, wird es unausweichlich. Unsere Haut ist nur wenige Millimeter dick, dabei unser bedeutendstes Erfahrungs- und Erkenntnisorgan und sichtbarer Austragungsort innerer Konflikte mit Rötungen, Schweiß oder Ausschlägen. Jetzt ist die Haut also auch der Austragungsort äußerer Kämpfe, die in der Gesellschaft toben und auf die Haut aufgetragen werden: Es geht um Kämpfe um Rollenmuster und Machtverhältnisse, um Identität, und immer auch darum, überhaupt gehört zu werden.

Und was schreiben sich die Männer unter die Haut? Für das Aiga-Plakat (American Institute of Graphic Arts) 1999 fotografiert Stefan Sagmeister seinen nackten Oberkörper, in den er die Ankündigung für seinen Vortrag einritzte – eine schmerzhaft-exhibitionistische Eigenwerbung. Anfang der 80er-Jahre hatte sich der österreichische Performancekünstler Flatz den Strichkode einer Zigarettenmarke auf den Bizeps tätowieren lassen – und dafür Sponsorgelder kassiert. Mitte der 90er-Jahre schreibt der Schweizer Künstler Daniele Buetti Markennamen mit Kugelschreiber auf seine Haut. Diesen fotografierten "Pseudotattoos", die Buetti auf den Straßen New Yorks verkaufte und die er auf Wunsch Passanten anfertigte, folgen die "Pseudovernarbungen": In die Rückseite von Magazinseiten ritzt Buetti spiegelverkehrt Firmennamen auf die Haut von Fotomodellen. "Lancˆome" steht auf der Backe, "Christian Dior" auf einem Unterarm – wiederfotografiert wirkt das wie Vernarbungen. Zwischen Mode, Masochismus und Marketing, voller Schauer und Faszination, schauen wir in das Spiegelbild, das Buetti den Models auf die Haut schreibt: Die marketing- versessene Gesellschaft ist an der Grenze zwischen innen und außen angekommen.

Vor vier Jahren wanderte der Chinese Qin Ga Maos Langen Marsch durch China nach und ließ sich den Weg als "The Miniature March" auf den Rücken tätowieren, an jeder Raststation ein weiteres Stück. Einst von Mao als Machtstärkung unternommen, hat Qin Ga das als individuelles Erlebnis verinnerlicht – schmerzhaft, radikal und dauerhaft. Denn der Mensch wechselt bis zum Alter von 28 Jahren alle 28 Tage die Haut, später alle 32, dann alle 34 Tage. Mit 40 Jahren hat sich unsere Haut rund fünfhundertmal erneuert. Was aber unter die Haut geht, bleibt für immer, lässt sich weder wegreiben noch wegreden. Auf den Körper geschrieben – radikaler lässt sich eine Botschaft nicht formulieren.

Seit den 70ern steht die geschriebene Sprache im Zentrum des Schaffens der US-Künstlerin. Das MAK zeigt von 17. Mai bis 17. September Jenny Holzer XX. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 27./28.5.2006)

Von Sabine B. Vogel

Zur Autorin

Sabine B. Vogel studierte Kunstgeschichte und Germanistik. Sie lebt als freie Kunstkritikerin (u. a. FAZ, NZZ) und freie Kuratorin (u. a. Secession) in Klosterneuburg/Wien. Seit 2003 ist sie Lektorin an der Universität für angewandte Kunst

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    Der Körper als Schlachtfeld und Botschafter: Ob in Sport, Pop- und Alltagskultur, Politik oder Kunst, was uns unter die Haut geht, bleibt für immer. Im Bild: Weiblicher Körper mit Koran-Suren beschrieben aus dem Film "Submisssion" des ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh.
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    Einschüchterungstaktik: ein Arsenal-Fan hat den Fußball anschaulich verinnerlicht.
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