Präsidiale Komödie über Jacques Chirac

7. Juni 2006, 16:34
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Start von Satire-Film in Frankreich - Insgesamt: Kein politischer, sondern ein sehr französischer Film

Paris - Man kennt die politischen Tiraden eines Michael Moore gegen US-Präsident George W. Bush, eines Nanni Moretti gegen Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi. Jetzt ist der französische Präsident an der Reihe: Am Mittwoch startet in Paris der Film "Dans la peau de Jacques Chirac" (In der Haut von Jacques Chirac).

Der 90-minütige Streifen besteht aus Archivaufnahmen aus einem halben Jahrhundert Politikerdasein. Dazu liefert der Fernseh-Journalist und Filmemacher Karl Zéro aus dem Off den Text - und zwar aus der Sicht Chiracs, als würde dieser seine Karriere kommentieren.

50 Jahre politischer Geschichte

Über fünfzig Jahre von Frankreichs politischer Geschichte ziehen vor den Zuschauer-Augen vorbei: Der junge Chirac als Berater in einem Ministerium, dann mit Zigarette in einer Citroën-Limousine; der schnittige Lokalpolitiker auf Wahlkampf in seiner Hochburg Corrèze, dann mit dem damaligen Präsidenten George Pompidou. Chirac als Präsident des von ihm gegründeten "Rassemblement pour la République" (RPR); Chirac mit Gattin Bernadette, mit Madonna, mit Ex-Innenminister Charles Pasqua, mit Hund. Chirac beim Bad in der Menge, Chirac mit Blumenkranz auf Tahiti.

Dazu sagt die gut imitierte Chirac-Stimme zum Beispiel: "Ich presche einfach drauflos - überlegen tu' ich nachher". Sie kommentiert Fernsehbilder, auf denen sich der damalige Premierminister tölpelhaft einen Platz im Scheinwerferlicht um seinen souveränen Gegner François Mitterrand sucht: "Ich bin ein Fremdkörper in der Politik. Ich falle ständig auf die Nase, ich widerspreche mir ständig, aber irgendwie ziehe ich mich doch jedes Mal aus der Affäre."

"Ah, das ist eine gute Frage!"

Chirac sagte das natürlich nicht wirklich. Aber er hätte es sagen können. So wie er wirklich ein Dutzend mal in seiner Karriere versprach, die Steuern zu senken - aber wenn er nach den Wahlen darauf angesprochen wurde, warum er es doch nicht getan habe, meint er dazu nur lachend: "Ah, das ist eine gute Frage!"

Mit solchen Pirouetten zog sich Chirac wirklich aus der Affäre, wie den Archivaufnahmen zu entnehmen ist. Aber genauso gut hätte er antworten können, was ihm Zéro in den Mund legt: "Die Politik kotzt mich an. Ich weiß zwar, wie man die Macht erobert, aber nachher weiß ich nie, was ich damit anfangen soll."

Monarchische Aura

Er habe einen Film über Chirac machen wollen, weil das bisher noch niemandem in den Sinn gekommen sei, meint der Berufssatiriker Karl Zéro. Die präsidiale, um nicht zu sagen monarchische Aura schützt den Staatschef in Paris nicht nur vor Korruptionsklagen, sondern auch vor neugierigen Kamerablicken. Dass dieses Tabu noch zu Lebzeiten Chiracs fällt, sagt viel aus über den Verlust an Respekt gegenüber dem Präsidenten.

Interessant ist zu sehen, wie ein Politiker immer obenauf schwimmen kann, nachdem er sich zum wiederholten Male selbst das Bein gestellt hat. Ausgeblendet bleibt die Frage, warum ihm ein Volk von 60 Millionen Bürgern ein halbes Jahrhundert lang gefolgt ist. Insgesamt ist es kein politischer Film, sondern ein sehr französischer. (brä, DER STANDARD, Printausgabe 27./28.5.2006)

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    foto: dans la peau de jacques chirac, film
  • Er habe einen Film über Chirac machen wollen, weil das bisher noch niemandem in den Sinn gekommen sei, meinte der Berufssatiriker Karl Zéro.
    foto: dans la peau de jacques chirac, film

    Er habe einen Film über Chirac machen wollen, weil das bisher noch niemandem in den Sinn gekommen sei, meinte der Berufssatiriker Karl Zéro.

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